Über Müdigkeit und kranke Kinder

Einen kleinen Augenblick die Augen schließen. Wie bin ich doch müde. Ich. Du. Wir. Denn nicht nur ich trage und wiege Dich, nicht nur ich messe Fieber und gebe zu trinken und singe und lenke ab. Wir sind müde. Als Eltern. Du bist müde vom Kranksein. Und davon, dieses Kranksein noch nicht zu kennen. Warum schmerzt es? Warum hört es nicht auf? Warum, warum, warum? Hilflos schaust Du mich an und verstehst nicht unsere Worte darüber, dass das alles bald vorbei ist, dass Du nun krank bist wie Dein großer Bruder zuvor. Keine Erklärungen, keine Worte, kein Verständnis. Kurz denke ich darüber nach, wie viel praktischer es ist, wenn größere Kinder krank sind, mit denen man über das Kranksein reden kann. Doch es ist nur ein kurzer Moment, denn meine Gedanken kreisen um Dich. Fühlst Du Dich noch heißer an als zuvor? Warum weinst Du, was tut weh? Meine Fragen bleiben unbeantwortet, denn Du verstehst sie nicht und kannst eine Antwort nicht nicht in Worte fassen. Wo es schmerzt? Vielleicht kannst Du das noch gar nicht festlegen und spürst nur die Verzweiflung über die anhaltende Pein. All dies ist jenseits von Worten und Erklärungen – wie es so oft mit einem kleinen Kind ist.

Doch was hilft, ist das Dasein für Dich. Du bist nicht allein mit dem, was Dich quält. Ich spüre, wie Dein kleiner Körper weicher wird, wenn er sich an mich schmiegt. Dein Atem wird ruhiger, Dein Weinen leiser bis es ins Schluchzen über geht. Liebe, Nähe, Zuwendung, sie helfen Dir. Trotz aller Erschöpfung. Meine Augen sind müde nachdem sie tagelang kranke Kinder betrachtet haben. Und dennoch ruhen sie sich nur kurz aus. Machen eine Pause, während andere Augen Dich in den Blick nehmen und wechseln dann wieder ab. Meine Arme sind müde, meine Schultern sind müde vom Tragen. Meine Beine sind müde vom Laufen in der Nacht durch die Wohnung mit Dir. Aber der Blick auf mein krankes Kind lässt all das in den Hintergrund treten. So, wie alles in den Hintergrund tritt. Jetzt gerade zählst nur Du und dass es Dir besser geht. Mein Herz fühlt mit Dir und jeder Schmerz schmerzt auch mich irgendwie.

Kurz träume ich mich weg. Wie schön wäre es jetzt, sich auszuruhen. Kurz allein sein. Arbeiten. Oder auf einer Insel am Strand liegen. Oder einfach nur in einem weichen Bett allein liegen und schlafen zu können so lange ich möchte. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich das nicht könnte, jetzt gerade. Wenn es Dir schlecht geht, möchte ich nirgendwo anders sein als an Deiner Seite. Kann ich nirgendwo anders sein, als bei Dir mit meinen Gedanken.

Und so bin ich einfach weiter da. Trage und tröste und streichle und wechsel mich ab. Und beobachte aus meinen müden Augen, wie Du langsam gesünder wirst bis wir wieder schlafen und ruhen können. Ganz sicher schon bald.