Alle Eltern tun, was sie können! – Ein Aufruf für mehr Verständnis

Als Elternteil ist es manchmal nicht einfach, mit all den Ansprüchen zurecht zu kommen, die sich aus der Elternschaft ergeben: Da ist das Kind, das Ansprüche an uns stellt nach Sicherheit, Liebe, Zuwendung, Pflege, Versorgung – eben nach einer Bindung. Dann gibt es die Gesellschaft, die Ansprüche an uns stellt daran, wie wir uns als Eltern verhalten sollen und wie wir unser Kind richtig als Teil dieser Gesellschaft „erziehen“ sollen. Zwischen diesen Ansprüchen bewegen sich die eigenen Ansprüche an sich selbst als Elternteil, entstehend aus den natürlichen Bedürfnissen und Ansprüchen des Kindes, unserer eigenen Geschichte und den Anforderungen der Gesellschaft.

Das richtige Ziel und das Problem des Weges

Glücklicherweise wird es heute immer bekannter, von welch großer Bedeutung eine sichere Bindung für das Kind ist. Nicht nur für die Beziehung zwischen Eltern und Kind, auch für die Entwicklung des Kindes, den Schulerfolg, die sozialen Beziehungen, die Gesundheit und die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Wir brauchen sicher gebundene Kinder, unsere Gesellschaft braucht sicher gebundene Kinder.

Doch mit diesem Wissen entsteht auf einmal auch die Frage: Aber wie geht das denn, das Herstellen einer sicheren Bindung? Und wie geht es nicht? Die Attachment Parenting Bewegung hat einige Handwerkszeuge identifiziert, die dabei helfen können, eine sichere Bindung herzustellen. Das Artgerecht Projekt berichtet davon, wie durch das Erfüllen unserer natürlichsten Bedürfnisse eine sichere Bindung entstehen kann – und welche Bedürfnisse Babys und Kinder überhaupt mitbringen. Doch so ganz klar und übersichtlich ist es nicht: Es gibt eben keine Anleitung, die für alle Kinder und Familien und Situationen gleich ist. Es gibt kein Punkteprogramm, keine abarbeitbare Liste, keine Bindungs-Agenda.

Während wir uns also auf der Suche nach dem richtigen Weg für uns befinden, werden von Außen die Rufe laut – besonders, wenn andere ganz anderer Meinung sind: Also der Kindergarten wäre nun vollkommen falsch und damit würden wir das Kind zerstören. Oder auf der anderen Seite: Wer sein Kind nicht in den Kindergarten gibt, verweigert Sozialkontakte und mache es zu einem Außenseiter. Wer nicht stillt, schadet dem Kind vollkommen. Wer zu lange stillt, mache das Kind zu einem ewig abhängigen Mutterkind. Wer das Baby nicht trägt, liebt es wohl nicht. Und wer schimpft, der tut dem Kind Gewalt an und vielleicht hätte er/sie keine Kinder bekommen sollen. Wir meinen es gut, in unserem Willen, es den Kindern gut zu tun und eine gute, gesunde Zukunft für uns zu planen. Doch der Weg dorthin scheint schwierig und mit Verurteilungen anderer Menschen gesäht.

Warum es nichts bringt, andere zu verurteilen

Wir ziehen Studien hinzu, die uns genau in unserer Meinung bestätigen – egal auf welcher Seite: über den Unsinn oder Sinn des langen Stillens, über die Gefahr oder das Glück des Kindergartens. Wir verurteilen andere Menschen und andere Wege, denn nur unsere eigene Meinung kann richtig sein – wie wir beweisen können. Doch im Gespräch mit anderen werden diese Argumente nichts bringen. Verurteilung ist kein Weg, der zu einer Änderung führt. Und dies besonders nicht bei Eltern: Die, die einer festen anderen Meinung sind, können andere Studien anführen und uns widerlegen. Die, die in ihrer Meinung wanken, können wir durch harte Worte verunsichern. Doch Verunsicherung führt uns nicht zu dem Ziel, das wir angestrebt haben: Verurteilung anderer Lebensformen und Lebensentwürfe kreiert keine bessere Gesellschaft. Verunsicherte Eltern können ihren Kindern kein Gefühl der Sicherheit geben. Eltern, die wir beständig verunsichern, die wir beschämen und abwerten, fühlen sich schlecht, unsicher, ambivalent. Das ist kein guter Boden, um authentisch mit den eigenen Kindern umgehen zu können.

Zudem kennen wir meist nicht den Hintergrund anderer Eltern und Familien: Wir alle tragen unsere Geschichte mit uns. Einige tragen die Geschichte einer glücklichen Kindheit, andere nicht. Tief in uns vergraben sind die Stimmen der eigenen Kindheit und so manches Mal übernehmen die im Gehirn gespeicherten Verhaltensmuster die Führung – oder wollen es. Viele Eltern kämpfen immer wieder gegen diese Muster an. Sie wurden als Kind geschlagen, haben emotionale Verletzungen davongetragen und wünschen sich, ihren Kindern ganz andere Eltern zu sein. Aber oft genug ist der Anspruch, den wir von allen Seiten zu hören bekommen, zu hoch: Perfekt sein, das klappt nicht. Nur eben gut genug – und so gut, wie es die eigene Geschichte zulässt. Eltern, die selber geschlagen wurden und dies ihren Kindern nicht antun, aber ab und zu schreien, geben dennoch ihr bestes. Das bedeutet nicht, dass es nicht unser Leitstern sein sollte, es ganz zu vermeiden. Es bedeutet aber, auch nachsichtig mit sich selbst zu sein.  Frauen, die ihr Kind nicht ein Jahr stillen, sondern kürzer, tun ihr Bestes. Frauen, die nicht stillen, aber tagein, tagaus, nachtein, nachtaus Flaschen zubereiten, tun das Beste, das sie können. So, wie es nicht den einen richtigen Weg gibt, gibt es nicht den einen Anspruch, den wir an alle stellen sollten. Nahezu alle Eltern versuchen alles ihnen mögliche, um es ihren Kindern gut gehen zu lassen. Sie tun das, was gerade bei ihnen und in ihrer Generation möglich ist. Und vielleicht muss die nächste Generation weiter an dem Ziel arbeiten, von einer Erziehung weg zu kommen, die sich über viele Generationen verwurzelt hat und von der wir heute wissen, dass sie nicht gut für die Entwicklung ist. Wir kommen nur Schritt für Schritt voran.

Der richtige Weg sieht so aus:

Wir alle wünschen uns eine sichere, liebevolle und gute Zukunft für uns und unsere Kinder. Sicher gebundene Kinder können dafür eine gute Grundlage sein und unser gesellschaftliches Ziel sollte es sein, dafür Sorge zu tragen. Wir erreichen das jedoch nicht mit einem erhobenen Zeigefinger und der Beschämung von Eltern, die anders handeln als wir es für zielführend halten. Vielleicht haben wir selbst das Wissen um den richtigen Weg für unsere eigene Familie, vielleicht aber auch nicht. Sehr wahrscheinlich ist unser eigener Weg nicht für alle anderen Menschen genau so nachahmenswert oder richtig. Sollten wir ihn gefunden und das Glück haben, ihn richtig gehen zu können, ist er aber dennoch vielleicht für andere nicht wählbar, nicht gehbar auf die Art, wie wir es machen. Vielleicht kommen die anderen aber auch an das gleiche Ziel – auf eine ganz andere Art.

Der richtige Weg ist, die Bemühungen von Eltern anzuerkennen. Zu sehen, dass sie das tun, was sie können und was ihrem Wissen entspricht. Der richtige Weg ist es, da aufzuklären (liebevoll, verständnisvoll und einfühlsam), wo Menschen grobe Fehler machen. Der richtige Weg ist, Menschen breit mit dem richtigen Wissen auf einfühlsame Art zu versorgen. Der richtige Weg ist, Eltern zu unterstützen, wenn sie Unterstützung brauchen – und dies besonders auch emotional. Der richtige Weg ist, bei ungünstigem Erziehungsverhalten genau hinzusehen, woher es kommt und wie man es vermeiden kann durch Beratung, Unterstützung, Hilfe. Der richtige Weg ist, andere Eltern einfach als Menschen anzuerkennen mit dem, was eben Menschen ausmacht und sie genau so anzunehmen und zu behandeln, wie wir selbst behandelt und angenommen werden wollen und es uns für unsere Kinder wünschen. Achtsames und bindungsorientiertes Handeln ist keine Erziehungsmethode, sondern eine Haltung und Lebensphilosophie. Manchmal ist das nicht einfach und oft fällt es auch mir schwer, aber das Ziel ist es wert.

Eure

 

 

 

 

 

1 Kommentare

  1. Danke für den tollen Beitrag, die inspirierenden Gedanken, liebe Susanne. Deine Worte sind grandios!

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