Schlaflos

Noch eine weitere Runde gehe ich mit Dir durch die Nacht. Eng an mich geschmiegt trage ich Dich durch das Dunkel der Wohnung, immer wieder die gleichen Kreise abschreitend. Die Schatten der Nacht sind mir bekannt. Am Fenster halte ich kurz an und schaue hinaus auf die anderen Häuser. Die meisten Lichter sind erloschen, nur hier und da ist noch ein Lichtschein zu sehen. Es ist spät in der Nacht. Ich drehe mich um und gehe wieder zurück durch die Wohnung, um bald wieder vor dem Fenster zu stehen. Noch weniger erleuchtete Fenster, noch weiter voran geschritten ist die Zeit.

Sind es die Zähne? Oder vielleicht wirst Du krank? Oder es ist doch die Überraschung über all das, was Du schon kannst? Nur schlafen kannst Du gerade nicht. Eigentlich ist die Ursache auch jetzt gerade nicht wichtig, denn sie wird nichts ändern an dem Umstand, dass Du auf meinem Arm getragen werden möchtest.

Schritt für Schritt wiege ich Dich. Streiche über Deine Wange, halte Deine kleine Hand. Ich singe zum zwanzigsten Mal das Schlaflied, das Du so magst und denke daran, dass jedes Kind sein eigenes Lied hat, das es beruhigt. Ich bin bei Dir und lasse Dich nicht allein mit Deinem Kummer. Auch dann nicht, als kein Lied mehr über meine Lippen kommt. Ich spüre, wie schwer meine Augen sind und wie erschöpft mein Arm von der Last, die ich schon so lange Trage. Wie gerne würde ich schlafen und noch lieber wissen, dass Du beruhigt einschlafen kannst. Wie unwichtig manch andere Dinge werden, wenn man ein Kind auf dem Arm trägt.

Irgendwann spüre ich, wie Dein kleiner Körper weicher wird und schwer, warm und sanft in meinem Arm liegt. Ich höre Deinen gleichmäßigen Atem und sehe Deine geschlossenen Augenlider. Ich atme tief durch vor Erleichterung für mich und Dich und uns. In wenigen Minuten werde ich eingeschlafen sein, so müde bin ich. Und doch werde ich Dich immer wieder wiegen und tragen, wenn du es brauchst.