Lieben

Ich erinnere mich noch sehr gut an das Gefühl, mein erstes Kind in mir zu tragen und daran, wie die Liebe zu diesem Kind gewachsen ist. Tag um Tag, Monat zu Monat. Als ich sie das erste Mal in meinen Armen hielt – so klein und wohlriechend und dunkel – war es das überwältigendste Gefühl der Welt: Mein Kind! Ich sah sie an, sah jedes Haar, jede Hautfalte und wusste, dass ich sie immer lieben würde. Von diesem Tag an bis zum Ende meines Lebens.

Als ich wieder schwanger wurde, beschlich mich die leise Angst: Wirst Du ein zweites Kind so lieben können wie dieses erste? Wird es in Dir diese Gefühle hervor rufen können, die ich bisher nur von meinem Kind kannte? Das Verzücken über ihre lustigen Angewohnheiten, Glück bei jeder Umarmung, das wunderbare Gefühl des Mutterseins, wenn sich eine kleine Hand in die eigene große Hand schiebt und damit so viel aussagt. Ich hatte Angst davor, dass ich dieses zweite Kind nicht so lieben könnte wie das erste, denn diese Liebe war ja schon alles, war das größte Gefühl der Welt.

Als mein Sohn dann in meinen Armen lag, waren all diese Sorgen weg. Es war ein Wunder, dass es wirklich so sein konnte, dass dieses überwältigende Gefühl, von dem ich nie glaubte, es teilen zu können, noch einmal da war. Und es teilte sich auch nicht, wurde nicht halbiert, sondern stand einfach neben dem anderen Gefühl da, hatte seine eigene Daseinsberechtigung, seine eigene Existenz. In diesen Raum meines Herzens, den ich nicht dachte teilen zu können, hatte sich nicht ein weiteres Zimmer eingebaut, sondern einfach ein ganzes Haus nebenan.

Nun kommt das dritte Kind. Ein leiser Zweifel hat sich auch diesmal erhoben in mir: Du hast eine Tochter und einen Sohn. Du liebst sie beide, jeden für sich auf seine oder ihre Weise. Nun kommt ein Kind und es wird das selbe Geschlecht haben wie eines der schon vorhandenen Kinder. Ich liebe einen Sohn und eine Tochter. Werde ich denn wirklich noch einen weiteren Sohn lieben können? Ein verrückter Gedanke, der doch genau so da ist.

Aber wenn ich tief in mich hinein höre, weiß ich, dass es genau so sein wird, wie es war und sein soll: Ich werde diesen kleinen Menschen in meinen Armen halten, werde ihn riechen und spüren und wissen, dass es niemals eine größere Liebe geben kann, dass diese Liebe besteht neben den anderen Lieben, die ich schon so verinnerlicht habe.

Liebe lässt sich nicht halbieren. Sie ist da. Ist, wie sie ist. Sie ist groß und weit und individuell. Sie nimmt nicht ab mit der Anzahl an Menschen, die wir lieben. Sie wird nicht weniger, sondern bereichert uns nur mehr.

Eure
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4 Kommentare

  1. BerlinBound

    Das hast du wunderschön geschrieben. Da ich gerade mit meinem zweiten Kind schwanger bin, hoffe ich inständig, dass du recht hast. 🙂 Liebe Grüße und alles Gute für die anstehende Geburt und das Wochenbett.

  2. Getragensein

    Liebe Susanne. Ich habe vier Buben. Ich stimme dir zu, dass die Liebe für jedes Kind genau gleich gross ist, egal wieviele Geschwister auf das erste folgen werden. Was ich jedoch bei jedem weiteren Kind etwas stärker gespürt habe, ist, dass sich die Zeit und Aufmerksamkeit, die man den Kindern individuell schenken kann, nicht beliebig erweitern lässt. Die wird bei jedem zusätzlichen Geschwisterchen etwas beschränkter für alle Kinder und muss aufgeteilt werden. Manchmal möchten mir alle 4 gleichzeitig etwas erzählen oder gleichzeitig mit Mama alleine ein Buch anschauen oder ein Spiel spielen. Das geht natürlich nicht. Wahrscheinlich spielt jedoch nicht die Quantität der Zeit, die ich den Kindern einzeln schenke eine Rolle, sondern die Qualität. ich arbeite daran, jedem Kind täglich ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken und sei es nur 5 Minuten. Ich schaffe es noch nicht immer, vorallem da meine Kinder alle noch relativ klein sind.
    Alles Gute für die Geburt und herzliche Grüsse, Karin

  3. Anna-lisa Seidel

    Auch ich hatte diese Zweifel und Befürchtungen, kannte aber Erzählungen genug, die von diesem wundersamen „nebeneinander“ berichteten… ich war zuversichtlich, dass es bei mir genau so werden sollte, ich liebte meine erste Tochter so sehr, dass es manchmal weh tat. Leider wurde es aber völlig anders, denn nicht meiner zweitgeborenen Tochter konnte ich nicht genügend Liebe entgegenbringen, sondern meiner großen, dem meist geliebten, gewolltesten Kind auf Erden. Sie verlor plötzlich alles kindliche für mich, schien mir weder hilfebedürftig noch liebenswert, unfreundlich, grob auch physisch völlig anders als noch wenige Stunden vor der Entbindung der Kleinen. Dabei veränderte sie sich gar nicht so sehr aber mein Blick auf sie war von heute auf morgen gestört. Ich hatte das Gefühl, diese größte empfindbare Liebe ihr gegenüber aufgeben zu müssen. Mein Kind war wie „weg“ und dieses veränderte Kind gefiel mir nicht, machte mich wütend, störte mich und das Baby. Nun ist meine kleine Tochter ein Jahr alt und es ist besser aber noch nicht gut. Ich trauere immer wieder um meine Große und vermisse dieses unbändig schöne Gefühl mit ihr, dass ich tatsächlich auch nur ihr gegenüber auf diese Weise hatte, denn nur sie war 3 Jahre lang ganz alleine mein Kind, wir beide oft gegen den Rest der „Welt“ (Familie). Ich habe mir immer 3 Kinder gewünscht aber noch einmal stehe ich so eine Postpartale Depression nicht durch. Ich hoffe, ich komme irgendwann auch wieder an den Punkt, wo sich alles wieder „richtig“ anfühlt, ich die Liebe wieder zulassen kann.

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