Wo sind all die Kinder hin? Über die Angst der Eltern

An diesem Wochenende sind wir auf einen Kindergeburtstag eingeladen gewesen und, kurz vorher, kam die Nachricht: Es werden wohl doch nicht viele Kinder kommen, denn viele Eltern haben Angst vor den Masern. Auch auf dem Wochenmarkt sind an diesem Samstag viel weniger Eltern mit Babys im Tragetuch zu sehen. Die Angst geht um. Erst gestern hieß es „Kinderärzte raten: Nicht mit Säuglingen in die Öffentlichkeit„: Da erst ab 11 Monaten gegen Masern geimpft werde, es immer wieder Fälle gäbe, in denen kein Nestschutz zu finden war und derzeit mehr als 630 Berliner_innen infiziert sind, sollten Eltern zur Vorbeugung mit ihren Kindern zu Hause bleiben.

Ich werde an dieser Stelle nicht weiter über das Thema Masern oder Impfen schreiben. Es geht mir nur um die Eltern und ihre Sorgen. Ich erinnere mich noch gut, als meine Tochter zum ersten Mal ernsthaft krank war. Sie war 2 Jahre alt und ich stellte bei ihr fest, dass sie eine Lungenentzündung hatte. Unsere wunderbare Kinderärztin bestätigte den Verdacht. Lungenentzündung, das klang schlimm. Ich hatte Angst um mein Kind. Sie fieberte so hoch, war so schlapp. Sie bekam Medikamente, ich machte Fußbäder und Wickel. Sie wurde wieder gesund, aber die Sorge tief in mir drin blieb. Bei jeder Erkältung hatte ich erst einmal Angst, dass sie wieder so krank werden könnte. Ängstlich hörte ich bei jeder beginnenden Erkältung die Kinder ab. Im Laufe der Zeit hat es sich wieder relativiert, denn eine Lungenentzündung ist nie wieder aufgetreten.

Krank

 

Als mein Sohn mit einem Jahr rückwärts auf ein Puzzleteil fiel und ein Loch im Hinterkopf hatte und ich blutend mit ihm sofort in die Klinik fuhr, war sie wieder da: die Angst. War es schlimm? Würde es genäht werden müssen? Hatte er eine Gehirnerschütterung? Es ging alles gut und musste nicht einmal genäht werden.

Sie gehört dazu, diese Angst. Sie zeigt uns, wie verletzlich unsere Kinder sind, aber auch wir. Sie zeigt uns, wie sehr wir unsere Kinder lieben. Welch große Angst wir davor haben, sie zu verlieren. Wir können an dieser Angst wachsen als Eltern und lernen, dass unsere Kinder manches Mal mehr aushalten als wir denken. Oder wir lernen, dass wir besser auf sie achten müssen. Unsere Kinder lernen auch davon: Sie sehen uns Eltern und unsere Sorgen, lernen, wie man sich verhält und geben später das, was sie gelernt haben, an ihre Kinder weiter.

Ich verstehe die Ängste der Eltern. Die, die aus Liebe zu ihren Kindern nun zu Hause bleiben. Die, die aus Angst eine Impfpflicht fordern ebenso wie die, die aus Angst vor Impfschäden nicht impfen wollen. Auch wenn ich persönlich nicht alle Wege toleriere, verstehe ich erst einmal die Ängste der Menschen. Es geht immer um die Angst und um die, die sich sorgen. Die einen auf die eine Weise, die anderen auf die andere. Wo wären wir heute, wenn sich Eltern nicht immer um ihre Kinder gekümmert und gesorgt hätten? Es ist wichtig, diese Ängste der Eltern wahr zu nehmen, sie anzunehmen und damit umzugehen. Zu sehen: Woher kommt meine Angst? Ist sie wirklich notwendig oder reagiere ich so, weil ich selbst vielleicht schlechte Erfahrungen in einer ähnlichen Situation gemacht habe, die aber nicht allgemein gültig sind? Eltern müssen aufgefangen werden in ihren Nöten. Sie brauchen Menschen, die sie so annehmen und sie auf ihrem Weg begleiten.

Was mir in meinen eigenen Zeiten der Angst nicht geholfen hat waren andere, die meine Ängste nicht anerkannt oder gar noch verstärkt haben. Unsachliche Kommentare, vermeintliche Ratschläge oder gar Beschimpfungen, die jedoch ohne irgendeinen fachlichen Hintergrund waren. Welches Thema es auch immer betrifft: Eltern wollen (in den meisten Fällen) nicht verantwortungslos sein, sie wollen ja gerade das Beste für ihr Kind. Sie sorgen sich – die einen aus dem einen, die anderen aus dem anderen Grund. Wer mit Eltern spricht, hat auch eine Verantwortung. Gerade weil wir ängstlich sind, weil wir immer das beste wollen für unsere Kinder sind viele Eltern auch schnell zu verunsichern. Eltern brauchen Unterstützung und Hilfe, aber auch die passende – je nach Thema,um das es gerade geht. Aus meinen Erfahrungen kann ich daher bei allen Elternängsten nur sagen: Hört nicht auf das, was irgendwer sagt. Hört auf Euer Bauchgefühl und auf das, was die Menschen sagen, denen ihr wirklich vertrauen könnt. Das ist vielleicht nicht die google-Suche und auch nicht irgendein Rat im Internet von fachlich unkundigen Menschen. Das ist aber sicher der Arzt oder die Ärztin Eures Vertrauens, der oder die Lebenspartnerin, die Hebamme…

Wem vertraut Ihr? Wohin wendet Ihr Euch mit Euren Ängsten?

 Susanne_clear Kopie

 

 

8 Kommentare

  1. ähm, seit wann sind Hebammen fachkundig im Zusammenhang mit Impfen? Sie dürfen doch gar keine Beratung dazu machen, ausser auf die vorhandenen Empfehlungen der Experten der STIKO zu verweisen – und das aus einem guten Grund, weil sie nämlich nicht dafür qualifiziert sind…
    Ich finde es arg irreführend dass sie hier aufgezählt sind gleich nachdem es um die Frage geht, wer fachkundig ist.

    • Liebe Magdalene,
      es geht in dem Artikel ja nicht ausschließlich um das Impfen. Es geht um Situationen, in denen Eltern Angst haben und dass sie sich in solchen Fällen auf Fachleute verlassen sollen anstatt zu googeln oder sich von irgendwelchen Blogs nicht-fachkundiger Menschen irre machen zu lassen.

  2. Liebe Susanne! Danke dir für diesen Text! Du hast damit bei mir – wie so oft – einen Nerv getroffen. Gerade wenn man gegen den Strom schwimmt, hat man öfter mit Ängsten zu kämpfen und hinterfragt immer wieder die eigenen Entscheidungen. Da tut es gut zu wissen, dass man mit seinen Ängsten nicht alleine ist. Für mich der wichtigste Ansprechpartner ist immer mein Partner. Natürlich auch der Kinderarzt und als meine Kinder noch Babies waren, selbstverständlich auch die Hebamme!

  3. Sehr schöner Artikel und danke, dass sich jemand auch mal rein um das Thema „Angst“. Mein Sohn ist jetzt 7 Monate alt und wir haben von Anfang an versucht unserem Bauchgefühl zu folgen. Natürlich haben wir Ärzte und unsere Hebamme gefragt, aber meist merkt man als Mutter oder Vater, was das Baby jetzt benötigt. So bin ich seit 2 Monaten Veganer, dass ruft bei Normalessern Fragen auf, Veganer freuen sich. Nun werde ich meinen Sohn aber nicht vegan, sondern normal ernähren. Das verstehen Normalesser, aber Veganer nicht. Ich für meinen Teil denke, dass der Weg richtig ist und lasse mir von niemanden rein reden. Von irgendwelchen Foren halte ich mich mittlerweile fern, weil dort so viel Müll geschrieben wird. Ich denke, wenn jede Mutter hinter ihrer Entscheidung steht, dann hilft das dem Kind mehr, als wenn sie Entscheidungen fremdgesteuert trifft. Aber auch das ist meine ganz persönliche Meinung und ihr seht das sicher anders. Und das ist gut so!

  4. wolpertingerin.wordpress.com

    Ich vertraue meinem Herzen und – genauso wichtig: meinem Kind. Und in den Fällen, in denen ich das nicht getan habe, hat sich immer herausgestellt: ich hätte es tun sollen!

  5. BerlinBound

    Als ich den (nicht näher bezifferten) Link zu Impfschäden in deinem Text sah, hatte ich erst Sorge, dass es eine Legitimierung der Thesen bzgl. Impfschäden sein könnte. Stattdessen war es eine sehr interessante SciShow-Abhandlung zu der Frage, wie (z.T. unbegründete) Ängste bzgl. Impfschäden entstehen. Danke dafür!

  6. Liebe Susanne,
    natürlich gibt es vielfältige Ängste und selbstverständlich haben Eltern Angst um ihre Kinder.

    Aber vielleicht sollte man sich vergegenwärtigen, dass Angst kein guter Ratgeber ist.
    Es geht um die Abwägung von Risiken, das darf nur eine rationale Sache sein, auch wenn es schwerfällt. Das müssen wir für unsere Kinder tun, solange sie dazu selbst noch nicht in der Lage. Das nimmt uns niemand ab. Eine der schwierigen Seiten bei der Existenz als Eltern.
    Viele Grüße

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