Brief an eine Gästin – Über Unordnung im Familienalltag

Liebe Gästin,

ich schreibe hier nicht, wer Du bist und in welchem Verhältnis wir zueinander stehen. Das ist auch nicht wichtig, denn Du stehst für viele Menschen. Es geht nicht darum, wie lange oder intensiv wir uns kennen, denn das hat keine Auswirkungen auf den Moment, über den wir sprechen.

Wenn ich Gäste einlasse in mein Haus, dann freue ich mich darüber. Ich freue mich, mein Leben mit anderen zu teilen und einen Einblick in mein Leben zu geben. Mein Haus, meine Wohnung erlaubt den tiefsten Einblick in mein Leben, den ich gewähren kann. Hier sieht man, wo und wie wir leben. Man sieht die Bücher, die wir lesen, das Essen, das wir zu uns nehmen, die Spielsachen, mit denen die Kinder spielen – ja sogar, womit wir uns die Zähne putzen. Das alles ist mein Leben.

Du hast ganz Recht, dass meine Wohnung nicht ordentlich ist. Ich arbeite und habe zwei Kinder. Selbst in den Zeiten, in denen ich noch nicht arbeiten ging nach den Geburten hatte ich für das Aufräumen nur bedingt Zeit, denn es standen und stehen immer wieder andere Dinge im Vordergrund. Dass ich mit meinen Kindern male und bastle, dass ich mich gelegentlich zu ihnen setze und mitspiele im Kaufmannsladen. Und selbst, wenn ich das gerade nicht tue, dann habe ich ein Recht darauf, mich auf dem Sofa ein wenig von meinem Tag zu erholen. Eine Putzhilfe wäre doch unterstützend? Von 1,5 Einkommen auf 4 Personen ist dies aber nicht einfach zu bewerkstelligen. Und so lasse ich die Staubkörner auf den Regalbrettern eben liegen – sie haben die Kinder noch nie beim Spielen gestört. Und die ungeputzten Fenster werden von den Kindern mit Farbe bemalt. Ich erinnere mich noch gut, wie Du kurz vor der Geburt meiner Tochter erklärtest, dass bei ungeputzten Fenstern das Kind nicht kommen würde. Es werden sicherlich andere Zeiten kommen, in denen ich dafür mehr Muße habe. Doch jetzt sind die Kinder da und sie sind klein.

IMG_4414

Ja, die Küche hat schon einmal besser ausgesehen. Die Kinder essen an unserem Tisch mit all ihren Sinnen. Sie genießen das Essen, sie spüren es mit den Fingern. Oft genug fällt etwas daneben – ganz zu schweigen von der Phase, als der Sohn jedes Getränk bei jeder Mahlzeit umschüttete, um mit der Hand in die Pfütze zu patschen. Tatsächlich lass ich Reis und Nudeln erst einmal eintrocknen bevor ich sie (dann leichter) mit dem Staubsauger aufsauge. Es ist nicht schlimm, es ist kein Makel. Im Gegenteil: Es macht das Aufräumen viel effektiver, auch wenn es eben einen Moment länger unordentlich aussieht. Aber was ist ein solcher Moment in Bezug auf ein ganzes Leben mit Kindern?

Das Bügeln habe ich irgendwo zwischen Kind 1 und 2 aufgegeben in der Mehrheit der Fälle. Ich kaufe Dinge, die auch ungebügelt gut aussehen und das Bügeln von Küchenhandtüchern war mir schon immer etwas befremdlich. Vielleicht werde ich irgendwann wieder damit anfangen, wenn die Kinder Blusen oder Hemden tragen sollten. Doch ihre kleinen Haremshosen und bedruckten Shirts brauchen nicht glatt sein, wenn ihre Mutter dafür etwas entspannter sein kann. Und Entspannung ist es, die den Alltag glättet.

Doch, ich bringe meinen Kindern Ordnung bei. Auch sie lernen, dass die Dinge in ihrem Zimmer einen Platz haben und sie leichter wieder zu finden sind, wenn man sie an die selben Plätze stellt. Ich respektiere aber auch, dass sie noch eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben und ihre Ordnung nicht unbedingt meiner entsprechen muss. An manchen Tagen bedeutet Ordnung das Sortieren nach Farben, an anderen nach Formen. Und an manchen, da weiß ich es nicht. Aber wir finden schon unseren Weg. Manchmal muss man Wege aushandeln, immer und immer wieder. Als Eltern können wir auch dazu lernen.

Ich mache vielleicht viele Dinge anders als Du. Und ganz bestimmt mache ich auch einfach welche falsch. Aber ich tue die Dinge so, weil sie sich so gut anfühlen, weil es das Leben vereinfacht und auch aus einem ganz einfachen Grund, der uns zu einer Gemeinsamkeit führt: Ich liebe meine Kinder. So wie Du Deine. Wir haben vielleicht unterschiedliche Wege, aber dasselbe Ziel. Nimm Dir die Zeit, einmal durch meine Augen zu blicken, die das alltägliche Chaos im Spagat zwischen Beruf und Elternschaft einfach unbeachtet lassen und sich auf das Wesentliche richten: einfach da sein, einfach lieben und leben.

Deine

Susanne_clear Kopie

15 Kommentare

  1. Frau Krähe

    „Glänzende Äuglein sind wichtiger als glänzende Böden.“: Ein alter Spruch, welcher meine g’scheite Mutter immer wieder fallen lässt. Deinen Worten ist nichts hinzuzufügen. Höchstens: Manchmal ists halt einfach auch schön und tut gut, wenn nach dem Chaos des Tages abends die Ordnung wiederhergestellt wird, damit das Auge und das Herz zur Ruhe kommen kann. Das mag ich. Der Zustand der Fenster oder der Staub auf den Büchern ist mir dabei egal. Übrigens habe ich bei allen Nachteilen den Vorteil eines Hundes im Kleinkindhaushalt entdeckt: Tiptop sauber ists da immer unter dem Tisch. Die vierbeinige Putzmaschine entfernt prompt und gründlich jeden Krümel. 😉 Und gebügelt habe ich sowieso noch nie, auch vor meinem Leben mit Kindern nicht. Danke für deine klaren Worte.

  2. Netti Mas

    Ein wundervoller Beitrag, der mir ein bisschen das schlechte Gewissen nimmt. Ich setze die Prioritäten auch so wie du, eben auf Menschen und nicht auf Dinge. Außerdem fällt mir dieses Zitat von Erich Kästner dazu ein:“Das meiste auf der Welt geht nicht durch Gebrauch kaputt, sondern durch Putzen.“ 🙂
    Viele Grüße,
    Jeanette

  3. Rabensmama

    Freund, wenn Du dieses haus betrittst
    vieles nicht ganz sauber blitzt.
    Du merkst, daß es hier Kinder gibt,
    die man mehr als Putzen liebt!

    Da gibt es Spuren an den Wänden,
    kreiert von flinken, kleinen Händen.
    Wir machen das mal später weg –
    jetzt spielen wir erstmal Versteck!

    Spielzeug liegt an jedem Ort
    doch eines Tages ist es fort!
    Die Kinder sind uns kurz geliehen
    bis sie erwachsen von uns ziehen.

    Dann wird alles aufgeräumt,
    dann läuft der Haushalt wie erträumt!
    Jetzt freu`n wir uns an unsren Gören
    und lassen uns dabei nicht stören

  4. Danke für deine wahren und energischen Worte Susanne. Bei uns ist es 1:1 das Gleiche. Noch unverständlicher, wo ich doch in Elternzeit bin 😉 Ist eben eine Frage der Prioritätensetzung, nehme ich an. Und des mangelnden Einfühlungsvermögens auf der meckernden Seite. Wem blitzende Fenster wichtiger sind als glückliche Kinder, der kann mir persönlich gestohlen bleiben.
    Liebe Grüße, Vera

  5. Eben…. irgendwann sind die Kinder flügge und wenn man möchte, kann man dann putzenderweise alles nachholen, was man „versäumt“ hat :)) …. oder auch nicht.

  6. Jip eine Wohnung ist ein Spiegel der Seele und bei uns siehts genauso aus ;-)…kleine Wohnung und drei kleine Kinder( 1,5Monate, 1Jahr und 4 Monate und 3,5 Jahre) da ist unserer Caos perfekt…es wird gelebt… und es ist gut so…vermutlich werde ich es sogar mal vermissen wenn sie alle groß sind und aus dem Haus fliegen…
    es ist nur Schade das es immer Leute gibt…die meinten es müsste anderssein und man dann viel Kraft braucht sich nicht als Rabenhausfrau zu fühlen..
    es lebe das Leben mit georndetem Caos 😉

  7. Hmm… Ich habe eine 15 Monate alte Tochter. Meine Tochter fordert sehr viel Aufmerksamkeit und Zeit. Natürlich gebe ich ihr die. Was ich aber nicht ganz verstehe ist, warum ich nicht auch eine einigermaßen saubere Wohnung haben sollte. Mir persönlich ist das wichtig, da ich mich sonst nicht wohl fühle. Ja, und ich mag es, wenn meine Wäsche gebügelt ist. Für mich ist es einfach eine Frage der Prioritäten… Ich nehme mir dafür nicht die Zeit für Dinge, die anderen hier vielleicht wichtig sind. Darauf zu schließen, dass ich mich deswegen weniger um meine Tochter kümmere, finde ich befremdlich. Auch meine Tochter darf ihr Essen mit allen Sinnen genießen und auch sie wirft bei fast jedem Essen ihren Becher um. Ich lasse die Sachen aber nicht eintrocknen, weil ich das mega eklig finde. Sorry wenn ich hier etwas dagegen schieße, aber mir ist die Gleichung saubere Wohnung = Mutter nimmt sich keine Zeit zu simpel…

    • Liebe Dani, dieser Umkehrschluss, den Du da ziehst, steht dort im Text aber nirgendwo. Es bedeutet nicht, dass ordentliche Wohnungen Menschen gehören, die sich keine Zeit nehmen. Der Artikel soll nur dafür sensibilisieren, dass die Unordnung eben auch ihre Gründe haben kann und man sich nicht unter Stress setzen lassen sollte.

      • Jedem sei überlassen wie er es handhabt. Vor nem halben Jahr war ich bei einer Mutter zu Besuch, bei der war der Boden in Küche, Esszimmer und Wohnzimmer voll mit Krümeln und auch unterm Tisch waren noch die Essensreste vom Frühstück. Es war Sommer und ich hatte den Fehler gemacht, keine Socken anzuziehen. Meine Schuhe hatte ich vor der Türe ausgezogen. Meine Tochter konnte zu dem Zeitpunkt noch nicht laufen und ist dann durch den Dreck gekrabbelt. Hin und wieder wollte sie sich die Frühstücksreste in den Mund schieben. Ich hatte das ganze Zeugs an den Füßen… Keiner soll seine Kinder weinen lassen um die Küche aufzuräumen… Definitiv nicht. Aber das fand ich echt eklig. Wenn die Unordnung am Anfang zu groß wurde hab ich die Kleine ins Tragetuch gepackt und versucht, zumindest den gröbsten Dreck zu beseitigen.

  8. Mariüosa

    Ich sehe das genauso nur leider meint mein Ex-Partner die wohnung hätte kurz nach der Geburt der Tochter glänzen müssen wofür ich verantwortlich gewesen wäre. Nun gut so soll er glücklich werden mit dem glänzenden Boden und ich erfreue mich an den glänzenden Augen meiner Tochter weil ich mit ihr schmuse wenn sie es braucht anstatt zu putzen.

  9. Natalie Ullmann

    danke für den Artikel, bei uns geht es genau so zu, und das auch, weil wir 2 Erwachsenen es ebenfalls nicht soooooo mit der Ordnung haben. Ich habe mich oft schon schlecht dafür gefühlt, dass ich das mit dem Haushalt nicht so gut hinbekomme. Oder besser mit dem Aufräumen und putzen, denn kochen tue ich fast immer gerne und frisch. und ich habe mich gefragt, woher meine Abneigung gegen diese Tätigkeiten kommen mag, hab in meiner BIographie geforscht, meine Mutter unter Verdacht gehabt etc etc. … Geholfen hat es nix. Trotzdem war da das Unbehagen, dass ich es mir so, doch nicht gutgehen lasse, dass innere Ordnung sich doch auch in äußerer spiegeln müsste etc. UNd ich habe mich gefragt, ob meine KInder (4,5 und 7,5) hier kein gutes Vorbild bekommen und sie dann selbst als Erwachsene ähnliche Schwierigkeiten haben werden. …. Eine Freundin hat mich auf eine alternative SIchtweise gebracht: sie (als getrennt lebende Mutter) hat in der Zeit in der ihre Kinder beim Vater waren die Kinderzimmer aufgeräumt, als Geschenk für ihre Kinder, weil sie ihnen etwas gutes tuen möchte, so dass sie sich freuen wenn sie wieder in ihre aufgeräumten Zimmer kommen …. also etwas positives mit dem Aufgeräumt sein verbinden. Ich wünsche mir für mich genau diese Haltung, dass (wenn ich dazu Lust habe) ich mir (oder meinen KIndern) mit dem AUfräuemn und Putzen ein Geschenk mache … und es nicht eine lästige Pflicht ist zu der ich mich, oder meine Kinder „zwingen“ muss!
    P.S. wir leisten uns, trotz 1,5 Gehälter, eine Putzfrau. Und ich kann sagen, dass (auch wenn die geputzte WOhnung manchmal binnen weniger Stunden wieder verkrümelt ist) diese Frau mir manchmal mir ihrer Arbeit sehr gut getan hat, dass ich mich immer auf sie freue und über ihre Arbeit, und dass sie mir wichtig geworden ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.