Brief an eine Gästin – Über Unordnung im Familienalltag

Liebe Gästin,

ich schreibe hier nicht, wer Du bist und in welchem Verhältnis wir zueinander stehen. Das ist auch nicht wichtig, denn Du stehst für viele Menschen. Es geht nicht darum, wie lange oder intensiv wir uns kennen, denn das hat keine Auswirkungen auf den Moment, über den wir sprechen.

Wenn ich Gäste einlasse in mein Haus, dann freue ich mich darüber. Ich freue mich, mein Leben mit anderen zu teilen und einen Einblick in mein Leben zu geben. Mein Haus, meine Wohnung erlaubt den tiefsten Einblick in mein Leben, den ich gewähren kann. Hier sieht man, wo und wie wir leben. Man sieht die Bücher, die wir lesen, das Essen, das wir zu uns nehmen, die Spielsachen, mit denen die Kinder spielen – ja sogar, womit wir uns die Zähne putzen. Das alles ist mein Leben.

Du hast ganz Recht, dass meine Wohnung nicht ordentlich ist. Ich arbeite und habe zwei Kinder. Selbst in den Zeiten, in denen ich noch nicht arbeiten ging nach den Geburten hatte ich für das Aufräumen nur bedingt Zeit, denn es standen und stehen immer wieder andere Dinge im Vordergrund. Dass ich mit meinen Kindern male und bastle, dass ich mich gelegentlich zu ihnen setze und mitspiele im Kaufmannsladen. Und selbst, wenn ich das gerade nicht tue, dann habe ich ein Recht darauf, mich auf dem Sofa ein wenig von meinem Tag zu erholen. Eine Putzhilfe wäre doch unterstützend? Von 1,5 Einkommen auf 4 Personen ist dies aber nicht einfach zu bewerkstelligen. Und so lasse ich die Staubkörner auf den Regalbrettern eben liegen – sie haben die Kinder noch nie beim Spielen gestört. Und die ungeputzten Fenster werden von den Kindern mit Farbe bemalt. Ich erinnere mich noch gut, wie Du kurz vor der Geburt meiner Tochter erklärtest, dass bei ungeputzten Fenstern das Kind nicht kommen würde. Es werden sicherlich andere Zeiten kommen, in denen ich dafür mehr Muße habe. Doch jetzt sind die Kinder da und sie sind klein.

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Ja, die Küche hat schon einmal besser ausgesehen. Die Kinder essen an unserem Tisch mit all ihren Sinnen. Sie genießen das Essen, sie spüren es mit den Fingern. Oft genug fällt etwas daneben – ganz zu schweigen von der Phase, als der Sohn jedes Getränk bei jeder Mahlzeit umschüttete, um mit der Hand in die Pfütze zu patschen. Tatsächlich lass ich Reis und Nudeln erst einmal eintrocknen bevor ich sie (dann leichter) mit dem Staubsauger aufsauge. Es ist nicht schlimm, es ist kein Makel. Im Gegenteil: Es macht das Aufräumen viel effektiver, auch wenn es eben einen Moment länger unordentlich aussieht. Aber was ist ein solcher Moment in Bezug auf ein ganzes Leben mit Kindern?

Das Bügeln habe ich irgendwo zwischen Kind 1 und 2 aufgegeben in der Mehrheit der Fälle. Ich kaufe Dinge, die auch ungebügelt gut aussehen und das Bügeln von Küchenhandtüchern war mir schon immer etwas befremdlich. Vielleicht werde ich irgendwann wieder damit anfangen, wenn die Kinder Blusen oder Hemden tragen sollten. Doch ihre kleinen Haremshosen und bedruckten Shirts brauchen nicht glatt sein, wenn ihre Mutter dafür etwas entspannter sein kann. Und Entspannung ist es, die den Alltag glättet.

Doch, ich bringe meinen Kindern Ordnung bei. Auch sie lernen, dass die Dinge in ihrem Zimmer einen Platz haben und sie leichter wieder zu finden sind, wenn man sie an die selben Plätze stellt. Ich respektiere aber auch, dass sie noch eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben und ihre Ordnung nicht unbedingt meiner entsprechen muss. An manchen Tagen bedeutet Ordnung das Sortieren nach Farben, an anderen nach Formen. Und an manchen, da weiß ich es nicht. Aber wir finden schon unseren Weg. Manchmal muss man Wege aushandeln, immer und immer wieder. Als Eltern können wir auch dazu lernen.

Ich mache vielleicht viele Dinge anders als Du. Und ganz bestimmt mache ich auch einfach welche falsch. Aber ich tue die Dinge so, weil sie sich so gut anfühlen, weil es das Leben vereinfacht und auch aus einem ganz einfachen Grund, der uns zu einer Gemeinsamkeit führt: Ich liebe meine Kinder. So wie Du Deine. Wir haben vielleicht unterschiedliche Wege, aber dasselbe Ziel. Nimm Dir die Zeit, einmal durch meine Augen zu blicken, die das alltägliche Chaos im Spagat zwischen Beruf und Elternschaft einfach unbeachtet lassen und sich auf das Wesentliche richten: einfach da sein, einfach lieben und leben.

Deine

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