5 Gründe gegen bindungsorientierte Elternschaft – und warum sie Unsinn sind

Gerade erst gestern las ich davon, dass diese ganze bindungsorientierte Elternschaft Eltern nur unter Druck setzen würde und in der Praxis überhaupt nicht so umsetzbar wäre, wie es die Theorie beschreibt. Ein Grund, einmal kurz und knapp 5 Gründe gegen bindungsorientiere Elternschaft zu hinterfragen:

1. Das ist mir viel zu viel Klimmbimm

Wer bindungsorientierte Elternschaft machen möchte, kann sich mit vielen Themen auseinander setzen: Stillen, Familienbett, Tragen, Breifrei, Windelfrei,… Es gibt viele Wege, respektvoll mit dem Kind umzugehen. ABER: keiner dieser Wege ist ein Muss. Man muss nicht stillen und tragen und das Kind im eigenen Bett schlafen lassen und es abhalten und keine Gläschenkost verwenden. Man kann eine Auswahl treffen. Vielleicht haben Mutter und Kind eine wunderbare Stillbeziehung, aber mit 6 Monaten wird auf Gläschenkost umgestellt (oder es wird überhaupt nicht gestillt – kein Grund gegen Bindung!). Oder die Eltern entscheiden sich, dass das Baby nicht im Elternbett, sondern im Beistellbett schläft. Bedeutet das, dass diese Eltern nicht bindungsorientiert sind? Nein, natürlich nicht. Es gibt viele Wege zum Glück. Und das Schöne ist: Vielleicht gibt es ja einen Punkt, mit dem man anfängt und dann kommt ein zweiter dazu. Vielleicht noch ein dritter. Oder aber man belässt es so, wie es ist, weil es gut ist. Jeder hat seinen eigenen Weg, der auf Respekt dem Kind gegenüber und seinen Bedürfnissen beruht – immer in Abhängigkeit von der jeweils eigenen Situation. Bindung beruht vor allem auf Feinfühligkeit, auf das Reagieren auf Bedürfnisse und Signale – und nicht auf einem Bauchkasten an Möglichkeiten.

2. Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet Selbstaufgabe

Für sein Kind da zu sein, es in seinen Bedürfnissen wahrzunehmen und auf Signale zu reagieren ist ein normaler Teil der Elternschaft. Gerade wer so auf sein Kind eingeht, hat die Möglichkeit, es gut kennen zu lernen. Das Kind fühlt sich wahr- und angenommen und weiß, dass auf seine Signale reagiert wird. Dadurch lernt es, sein Verhalten selbst regulieren. Es ist aber ganz besonders wichtig, dass Bedürfnisse nicht nur auf Seiten des Kindes existieren, sondern auch auf Seiten der Eltern und es wichtig ist, beide Seiten zu bedienen – wie bei einer Waage. Sehr deutlich wird das beispielsweise beim Schlafthema: Wenn wir nicht ausreichend schlafen als Eltern, fällt es uns schwerer, feinfühlig die Bedürfnisse des Kindes überhaupt wahrzunehmen. Es ist wichtig für das Kind, aber auch ganz persönlich für die Eltern, dass die Bedürfnisse der Erwachsenen ebenso berücksichtigt werden wie die des Kindes.

An einigen Stellen bedeutet bindungsorientierte Elternschaft vielleicht, sich an neue Gedanken zu gewöhnen, aber es bedeutet auf keinen Fall, sich selbst aufzugeben.

3. Das ist nichts für Väter*!

Auch wenn es noch immer anders behauptet wird, sind nicht nur Mütter alleinige Bindungspersonen. Bindungsorientierte Elternschaft bezieht immer die gesamte Familie in den Blick: ob diese nun aus zwei Müttern, zwei Vätern, Mutter und Vater oder anderen Konstellationen bestehen. Auch bei Ein-Eltern-Familien bedeutet es nicht, dass diese Art der Erziehung nicht möglich wäre. Und auch wenn Stillen einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Bindung nehmen kann, ist es nicht die alleinige Quelle des Bindungsaufbaus. Auch derjenige Elternteil, der nicht stillt, kann viele verbindende Aktivitäten mit dem Kind genießen: von der achtsamen Körperpflege bis hin zum Tragen im Tuch oder dem gemeinsamen Mittagsschlaf. Die gesamte Familie kann und sollte an einem Strang ziehen in Hinblick auf die pädagogische Einstellung. Und gerade in Hinblick auf die Bedürfnisbefriedigung der Eltern ist es wichtig, die gesamte Familie einzubinden bei der Umsorgung des Kindes – so dass die Eltern auch mal Ruhepausen haben.

4. Das ist nicht mit meiner Arbeit zu vereinen

Nein, bindungsorientierte Elternschaft bedeutet nicht, dass man seinen Job aufgeben muss. Es bedeutet auch nicht, dass Kinder nicht von anderen Menschen betreut werden dürfen. Bei einer guten, kindangepasst Eingewöhnung und einem guten Betreuer_innen-Kind-Schlüssel ist eine Betreuung auch vor dem dritten Geburtstag gut möglich – auch wenn es oft anders zu lesen ist. Kinder lernen durch und mit anderen Kindern und können sichere Bindungen zu anderen Personen neben den Eltern aufbauen. Auch Erzieher_innen können sensibel und feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen – wenn der Rahmen dafür stimmt.

5. Die Kinder werden zu sehr verwöhnt und nie selbständig

Das Hauptargument wann immer es um bindungsorientierte Elternschaft geht. Es geht aber nicht um verwöhnen. Das, worum es hier geht, ist, die Signale und Bedürfnisse eines Kindes zu beachten und richtig darauf zu reagieren. Das hat nichts mit Verwöhnen zu tun. Es ist einfach ein menschlicher Umgang, den wir jedem zukommen lassen sollten. (Kleine) Kinder haben Bedürfnisse, die sich an einigen Stellen noch von unseren Unterscheiden. Sie brauchen besonders viel Nähe, damit sie sich sicher geborgen fühlen. Daher ist es gut, ihnen Körperkontakt zu geben. Sie brauchen die für sie richtige Nahrung wenn sie Hunger haben – nach Bedarf. Sie brauchen Liebe und Zuwendung – besonders um sich regulieren zu können in einer Welt, die sie noch nicht kennen. All diese Dinge zu geben, ist kein Verwöhnen. Es ist ein respektvoller Umgang mit einem Menschen. Und gerade wenn wir respektvoll mit Kindern umgehen, werden sie zu in sich ruhenden Personen, die ihre eigenen Bedürfnisse kennen, Wege wissen, sie zu befriedigen und daher selbständig agieren können.

Wie ist das bei Euch? Kennt Ihr noch mehr solcher „Argumente“?
Eure

Susanne_clear Kopie

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