Tag: 12. November 2013

Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre…

Wenn_nicht_jetzt

Manchmal frage ich mich, was heute sein würde, wenn ich nicht Mutter von zwei Kindern wäre. Hätte mein Leben eine andere Richtung genommen?  Das ist wohl sehr wahrscheinlich.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht am Wochenende ausschlafen. Vielleicht würde ich dadurch nicht unbedingt mehr Schlaf bekommen, da ich ja gar nicht erst früh ins Bett gehen müsste, weil es ja keine Kinder gäbe, die mich früh am Morgen aus eben diesem Bett holen. Ich würde also spät ins Bett gehen. Vielleicht würde ich noch immer wie mit Mitte 20 durch Discos ziehen. Ich würde sehr wahrscheinlich mehr ins Kino gehen oder ins Museum. Doch Schlaf hätte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit – zumindest am Wochenende – nicht mehr als jetzt auch.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht meine Hobbys besser pflegen. Früher habe ich viel gemalt. Wenn ich heute male, dann habe ich nach kurzer Zeit einen dicken Strich von irgendeiner engagierten Kinderhand auf meinem Bild. Das Malen, dem ich früher nachging, ist gerade jetzt nicht machbar. Dafür fädel ich Perlen auf, filze, häkle kleine Stoffpullover für Puppen, die dann doch wieder aufgehen. Ich gehe viel mehr in die Natur als früher. Meine Hobbys haben sich geändert, aber eigentlich könnte man sagen, dass ich welche habe.

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht viel mehr mit meinen Freunden zusammen sein. Früher einmal, da hatte ich ziemlich viele verschiedene Freunde. Es waren Freunde ganz verschiedener Art. Wenn ich eine bestimmte Sache machen wollte, rief ich eben einfach die passende Freundin dazu an. Heute haben meine Freunde auch Kinder und sind mindestens genauso eingespant wie ich. Sie haben auch nicht viel Zeit. Heute treffe ich mich mit den Eltern der Freunde meiner Kinder. Ich sehe sie im Kindergarten und auf dem Spielplatz und ja, irgendwie sind sie dann auch meine Freunde. Man teilt die gleichen Geschichten, Erfahrungen, Sorgen. Ist das nicht eine gute Basis für eine Freundschaft?

Wenn ich nicht Mutter wäre, würde ich vielleicht Karriere machen. Ich habe meine Doktorarbeit an den Nägel gehängt, als meine Tochter geboren war. Ich habe meinen sicheren Job gekündigt, um mich selbständig zu machen, weil das viel besser mit der Familie zu vereinbaren war. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich auch so Karriere machen, mit Kindern. Ich habe mich nur einfach für einen anderen Weg entschieden. Vielleicht hätte ich das auch ohne Kinder irgendwann?

Wenn ich nicht Mutter wäre, hätte ich vielleicht keine Dehnungsstreifen auf meinen Brüsten von dem Brustwachstum in den Schwangerschaften. Und ziemlich wahrscheinlich hätte ich innerhalb von 5 Jahren nicht zweimal 20kg zugenommen, um sie dann wieder abzunehmen. Mein Körper würde vielleicht anders aussehen. Aber sind wir mal ehrlich: Auch ohne Kinder wäre die Zeit nicht an mir vorbei gegangen und ich würde heute mit 33 trotzdem nicht mehr aussehen wie mit 27.

Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, wären viele andere Dinge passiert. Mein Leben hätte einen anderen Weg genommen. Aber niemals wäre es da stehen geblieben, wo es einmal war. Denn so ist das Leben nicht. Es geht weiter. Wir verändern uns, wir schließen neue Freundschaften und verlieren alte, wir finden neue Interessen und geben alte auf. Wir gehen manchmal neue Wege. Beruflich oder auch anders. Und die Zeit geht nicht an uns vorbei. Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, würde mein Leben vielleicht anders aussehen. Es würde andere Farben tragen. Es wäre anders gefüllt, aber es wäre nicht reicher. Es wäre nicht besser, weil ich vielleicht ausschlafen könnte oder mein Körper mehr dem Ideal entsprechen würde.

Es gibt nichts, was ich bedauere, weil ich diesen Weg gegangen bin und nicht einen anderen. Jeder Weg, den ich hätte gehen können, hätte mich an anderen Sehenswürdigkeiten vorbei geführt. Es macht deswegen keinen Sinn, anderen Wegen hinterher zu trauern und sich nach Dingen zu sehnen, die vielleicht anders sein könnten. Denn wenn sie es wären, wären auch wir anders. An den Tagen, an denen ich mit tiefen Augenringen, verwischter Mascara und bekleckertem Hemd vor dem Spiegel stehe und mir wünsche, ich wäre allein und unabhängig, blicke ich dann doch zur Seite. Dort sehe ich zwei kleine Menschen, die ich aus ganzem Herzen liebe. Und ich frage mich: Wenn ich jetzt nicht Mutter wäre, wann denn dann?