Mein Kind ist…

Mein Kind ist ein Kind. In erster Linie ist mein Kind ein Kind, so wie Dein Kind ebenso ein Kind ist. Dein Kind. Doch heute scheinen Kinder immer noch andere Attribute mit auf den Weg zu bekommen: Mein Kind ist hochbegabt, hochsensibel, ein Indigo-Kind, ein High-Need-Kind, ein ADHS-Kind, ein ADS-Kind… Kinder werden klassifiziert, in Schubladen gesteckt und in Gruppen eingeteilt. In einer Zeit, in der wir so sehr auf Individualität achten, beginnen wir schon so früh, unsere Kinder zu kategorisieren und anderen zuzuordnen, die ebenso sind. Natürlich machen wir das nicht aus einem bösen Beweggrund, sondern um einen Weg zu finden durch den Alltag mit unseren Kindern, um sie zu verstehen und um gute Eltern sein zu können, die auf ihre Bedürfnisse eingehen. Manchmal aber versperren wir uns damit selbst auch die Sicht auf unsere Kinder.

Wenn ich meine eigenen Kinder in solche Schubladen stecken wollen würde, würde sich für jedes meiner Kinder eine finden lassen mit einer großen Überschrift. Solch einer, mit der andere Leute etwas anfangen können, weil sie darüber schon einmal etwas gelesen haben. „Solche Kinder“ sind ja bekannt mittlerweile. Viele der Kinder, die ich kenne, würden auch in diese oder in andere Schubladen passen. Ich frage mich jedoch immer, wenn mir ein Kind mit einem solchen Schild um den Hals vorgestellt wird, wie weit mich dieses Schild in meiner eigenen Wahrnehmung beeinflusst, ob es mich nicht einschränkt darin, das Kind als Ganzes wahrzunehmen und wirklich seine Person kennen zu lernen. Ein Kind, das als hochsensibel vorgestellt wird, wird vielleicht von Anfang an mit Samthandschuhen angefasst. Ein Kind, das als hochbegabt gilt, hat mit großen Erwartungen anderer zu kämpfen. Ein Kind, das eine Lernschwäche hat, wird vielleicht unterfordert von anderen. Von einem Nachmittag mit einem ADHS Kind erwarten wir geradezu Chaos und Impulsivität.

Diagnosen können hilfreich sein

Natürlich können Diagnosen für Eltern eine enorme Entlastung sein. Dies gerade dann, wenn Eltern an ihre Grenzen kommen. Wenn sie merken, dass ihr Kind irgendwie anders ist als andere und an sich selber zweifeln. Schließlich wird eine Andersartigkeit eines Kindes heute nur allzu gerne auf die Eltern zurückgeworfen: Dein Kind ist irgendwie anders, deswegen musst Du irgendwas falsch gemacht haben. Vielleicht zu viel/zu wenig gestillt/getragen/im Bett schlafen lassen… Erst einmal scheinen Eltern schuld zu sein. Das Kind wird als leeres Gefäß betrachtet, das wir einfach füllen als Eltern und Familie und wenn es irgendwie anders wird als andere, dann muss das wohl an den Eltern liegen. Doch so pauschal funktioniert die menschliche Entwicklung eben nicht. Kinder kommen mit einem eigenen Temperament auf die Welt. Manche sind empfindsamer, manche weniger. Manche können besser hören, andere weniger gut und manche gar nicht. Wir sind alle unterschiedlich und kommen schon als ganz eigenständige Menschen auf die Welt. „Das Andere“ in uns unterschiedet sich manchmal stärker und manchmal weniger stark von den Menschen in unserer Umgebung. Je nachdem wie sehr wir und wie sehr unsere Umgebung unser Wesen berücksichtigen kann, führt das zu Konflikten. Ist der Leidensdruck zu groß, brauchen wir Hilfen: Unterstützung im Alltag, eine Änderung der Situation und ganz klar auch einen Menschen, der uns sagt: Du gibst Dein Bestes, aber es ist eben einfach so. Dein Kind ist so und jetzt schauen wir, was wir da für Euch tun können, damit es Euch besser geht. Rahmenbedingungen ändern, nicht Menschen. In diesem Rahmen sind Diagnosen unglaublich hilfreich.

… aber nicht alle Menschen brauchen sie zu kennen

Eine Diagnose kann hilfreich sein, kann entlasten und unterstützen. Doch wir müssen deswegen nicht von Anfang an versuchen, unsere Kinder beständig in Kategorien zu zwängen. Schon die Kleinsten werden etikettiert, in Babygruppen auf ihre Besonderheit hin vorgestellt und fortan nur unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Das, was sie von anderen vielleicht unterscheidet, wird doch wieder in eine Form gepresst, wird gleich gemacht. Damit nehmen wir uns jedoch auch die Chance, das Kind einfach an sich wachsen zu lassen und von anderen Menschen durch andere Augen betrachtet werden zu können. Jedes Kind ist irgendwie anders, jedes auf seine Weise begabt, jedes mit seinen eigenen Talenten ausgestattet. Wenn wir sie zu stark in unserer eigenen Sichtweise einengen, nehmen wir ihnen auch den Raum für ihre eigene Entwicklung.

Deswegen: Lasst uns kurz Innehalten bevor wir mit Vorbehalten wegen einer Beschreibung auf einen anderen Menschen zugehen. Lasst und kurz überlegen, ob es wirklich notwendig ist, ihn in Gedanken vielleicht zu reduzieren. Lasst uns einfach offen sein für einen anderen Menschen und sehen, wohin uns das gemeinsam bringt. Und lasst uns genau das auch in Bezug auf unsere eigenen Kinder tun und sie jeden Tag auch ein wenig mit neuen, wachen Augen betrachten.

Eure
Susanne_clear Kopie

  • Anja

    Der Artikel gefällt mir gut – ein richtiger, wichtiger Punkt, und treffend geschrieben! Aus der „Empfänger“-Perspektive habe ich darüber vor einiger Zeit auch einmal gebloggt – siehe hier: http://bucketrides.org/2015/09/30/when-someone-calls-you-schtroumpf/

  • Lernbegleiterin

    Im kommenden Schuljahr werde ich als Lehrerin erstmals auf das Lesen der sog. Schülerakten verzichten, in denen solche von Dir beschriebenen „Diagnosen“ und andere „Schrecklichkeiten“ drinstehen. Und die Eltern stattdessen um Vertrauen bitten, dass ich mit Erfahrung und Aufmerksamkeit relevante Informationen erhalten werde.

  • Amanda

    Wiedermal ein sehr wertschätzender und liebevoller Text! Zumal die Attribute, die ein Kind beschreiben sich ja auch stets ändern können und ändern. Danke Susanne 😉

  • HerrKammer

    Ich bin im Erwachsenenalter von meiner Therapeutin als hochsensibel beschrieben worden, und wurde im Kindesalter nie mit Samthandschuhen angefasst, leider eher im Gegenteil. Jetzt hilft mir dies sehr viel weiter und erklärt vieles, dass mich vorher eher belastet hat.
    Bei Kindern sollte natürlich eine gewisse Vorsicht gegeben sein, wenn es um Diagnosen und dahingehend auch Medikamentengabe geht. Solch kleine Körper wegen jeder Auffälligkeit gleich behandeln zu wollen, finde ich falsch.
    Nichtsdestotrotz sollte eben auf jedes Kind individuell eingegangen werden können, und wenn ein Kind sehr sensibel ist, sollte dies berücksichtigt werden.

  • JungeMami

    Danke! Einfach nur danke! Auch als Denkanstoß für mich über mein eigenes Kind (ich neige dazu, mein Kind durch die „Schublade“ irgendwie zu „entschuldigen“, schon bevor irgendwas passiert ist).

    Eine befreundete Ergotherapeutin macht die erste Stunde mit dem Kind immer nur zum Kennenlernen (wenn möglich ohne die Eltern, je nach Alter und Kind natürlich), spielt und macht sich ein eigenes Bild. Erst danach erfolgt das „diagnostizieren“ und Gespräch mit den Eltern. Und dabei kommen häufig die unterschiedlichsten Ansichten bei rum (wobei Therapiestunden ja sowieso immer Ausnahmesituationen darstellen).

    Man kann nicht NICHT bewerten, jeder wertet auf irgendeine Art und Weise. Aber den Versuch, möglichst vorurteilsfrei zu sein/zu handeln, finde ich sehr lohnenswert für alle Menschen. Überall.

  • Frühlingskindermama

    Ich verstehe Dein Anliegen und finde es grundsätzlich richtig. Dennoch sollte man den Gedanken mit der Entlastung nicht unterschätzen. Die meisten Eltern von Asperger-Kindern berichten davon, was für ein riesengroßer Stein von ihren Schultern gefallen ist, als sie die Diagnose nach jahrelangem Leidensweg endlich hatten. Und auch für mich war es ein großer Umbruch meiner Beziehung zu meinem Sohn, als ich von der Hochsensibilität erfuhr und ihn (und mich) da zumindest wiedererkennen konnte. Das heißt nicht, dass ich festgefahren bin, im Gegenteil, ich beschäftige mich immer wieder mit ähnlichen Charakterausprägungen. Auch bin ich in unserem privaten Umfeld nie damit „hausieren“ gegangen, keine Erzieherin, keine befreundeten Eltern etc. haben jemals dieses Wort in Bezug auf ihn gehört, sondern ich habe immer versucht, seinen Charakter verständlich für Außenstehende zu beschreiben. Im Blog schreibe ich darüber, um mich überhaupt austauschen zu könne, was ich sehr wichtig finde, wenn man ein Kind hat, was „anders“ ist. Mir hilft es ungemein und ich habe ihn und mich durch diese Vermutung ganz neu kennengelernt. Und kann dadurch viel besser mit ihm umgehen.
    Liebe Grüße!

    • lilysu

      Das entspricht ja dann genau dem, was im Text steht 🙂

  • Danke für diesen Artikel. Ich denke, dass diese ganzen schönen und ordentlichen Schubladen dann hilfreich sind, wenn tatsächlich größere Herausforderungen auftreten (bspw. in Schule oder Kindergarten), solange aber alles einigermaßen glatt läuft sind einfach nicht notwendig.

  • Kathrin

    Mir gefällt dieser Text auch sehr gut. Warum sollte man die Kindheit diagnostizieren? Jeder ist, wie er ist. Und damit lebt auch jeder so, wie er lebt. Auch im Erwachsenenalter gibt es so viele unterschiedliche Charaktere, manche Reiben aneinander, manche harmonieren, so ist das eben. Freilich möchte man seinen Kindern so manche Hürde aus dem Weg räumen, Ihnen so manche Reiberei ersparen, doch tatsächlich kann man sie Ihnen nur erklären, so ist es eben. So ist jeder unterschiedlich und auch wir Eltern können es nicht ändern, auch wenn es manche glauben. Gerade in der Liebe sollte der Respekt den größten Stellenwert haben. Die Kinder so annehmen, wie sie sind. Den Partner möglichst auch ;-)!

  • Gast

    Ich teile diese Ansicht grundsätzlich, weise aber zugleich darauf hin, dass Ihr Mann in seinem Blog beschreibt, dass „eins seiner Kinder sehr deutliche Zeichen einer Hochbegabung zeige“…. Ein Widerspruch – oder nicht?

    • lilysu

      Ich sehe darin keinen Widerspruch. Erstens deswegen, weil ich es nicht besonders schätze, wenn man als Ehepaar quasi auf eine Person reduziert wird, so dass davon ausgegangen wird, dass das was einer schreibt für beide gilt. Zweitens ist dies gerade ein Beispiel dafür, das meine Anschauung bestätigt: Ein Kind hat eine Diagnose und es ist die Frage des Umgangs damit, in der Rahmenbedingung/Umwelt an das Kind angepasst werden müssen. Eben nicht umgekehrt: Weil andere Menschen eine vorgefertigte Einstellung haben in Bezug darauf, was in dieser Situation getan werden müsste und wie das Kind „behandelt“ werden müsste.

  • Romy

    Vielen Dank für diesen Artikel, er spricht mir aus dem Herzen. Untrennbar mit Kinder haben kommen Diagnosen und Arztmeinungen in unser Leben. Es beginnt schon in der Schwangerschaft. In meinem Fall davor. „Sie können keine Kinder bekommen.“ „Sie sind steril.“ Dann war ich schwanger, auf natürlichem Wege. Der Arzt im Kinderwunschzentrum sagte mir, ich solle mich aber nicht freuen, es kann noch abgehen. Ich bin nie wieder hingegangen. Im 5. Monat sagte die Frauenärztin, das Kind sei zu klein, das sei nicht normal. Voran stellte sie ein „Oh, oh, oh“ und ein tiefes Luft holen. Mein Mann nahm mich in den Arm und sagte, da gehen wir nicht mehr hin. Der neue Frauenarzt sagte alles sei in Ordnung. Im Krankenhaus wollte man mich nicht aufnehmen, das Kind käme heute auf keinen Fall. Noch während die Ärztin mich raus schob, platzte mir die Fruchtblase. 4 Stunden später war meine Tochter geboren. Es folgte „Ihr Kind ist zu dünn, ihre Bindung ist zu eng, ihr Kind braucht Ergotherapie, ihr Kind ist zu sozial, ihr Kind müsste jetzt den Stift aber schon halten können, ihr Kind braucht Paukenröhrchen, ihr Kind braucht keine…. Mein Kind wurde gependelt, gemessen, gewogen, Beobachtungsbögen wurden ausgefüllt und dann diese verdammten U Untersuchungen. U Untersuchungen sind DER TÜV und total wichtig, sagen alle Mütter und wehe man zweifelt daran. Ich zweifele ganz erheblich. Ärzte und Arzthelferinnen haben gar nicht die Kompetenzen zu testen, was sie da testen. Meine Tochter weinte verzweifelt, als der Arzt in ihrem Beisein an ihrem Bild rummoserte. Noch heute spricht sie von dieser unachtsamen Bewertung durch einen Fremden. Ich habe für mich schon lange beschlossen, ersteinmal jede Diagnose anzuzweifeln und jedem Kind unvoreingenommen zu begegnen. Ich arbeite oft mit straffällig gewordenen Jugendlichen und auch dort lese ich zur Vorbereitung keine Akten. Was ich wissen muss, erzählen die Kids.

  • Sehr schön und treffend geschrieben. Mir tut es immer
    Leid, wenn ich sehe wie schnell bei den Kindern danach gesucht wird, was denn
    mit ihm nicht stimme. Da gibt es oft wenig unvoreingenommenes Beobachten,
    Kennenlernen und So-Sein-Lassen. Das Problem haben ja auch in der Regel die
    Erwachsenen, die ihre festgefahrenen Vorstellungen haben, wie man sein darf und
    sein muss, damit das Zusammenleben funktioniert. Wer da nicht richtig
    funktioniert, muss repariert werden, statt mal auf sich zu gucken, warum einen
    das Anderssein so irritiert.
    Ich verstehe allerdings auch, dass es hilfreiche Diagnosen gibt, durch die man besser verstehen und besser miteinander umgehen kann, dennoch halte ich es auch für schwierig, die Kinder (Menschen) grundsätzlich gleich mit der Diagnose zusammen vorzustellen.

    Ich kenne das auch noch aus der Zeit, in der ich
    regelmäßig Projekttage in Schulen hatte und wo die Lehrer*innen uns immer vorab
    schon mal erzählen wollten, wie denn die Klasse so sei und auf wen wir ganz
    besonders achten müssen. In der Regel konnten wir aber ganz gut, vorher
    klarstellen, dass wir diese Informationen nicht brauchen. Die Schüler*innen
    verhalten sich grundsätzlich anders, wenn externe Leute mit ihnen an einem
    Projekt arbeiten. Und wenn uns eine Lehrerin doch vorher unbedingt all ihre Infos
    geben musste, stellten wir fest, dass wir im Leben nicht darauf gekommen wären,
    dass genau dieser Schüler, vor dem wir so gewarnt wurden, so schlimm sein
    sollte.

    LG Sabrina