Digitale Eltern – Über die Verunsicherung durch digitale Hilfsmittel und andere Hilfen

Über die „Digitalen Eltern“ sprach ich auf dem Weleda Hebammenkongress 2016. Einige der dort ausgeführten Punkte habe ich noch einmal verschriftlicht:

Die Elternschaft heute unterscheidet sich in vielen Punkten von der Elternschaft früherer Generationen, doch ein Punkt tritt besonders hervor, wenn wir an das Leben mit unseren Kindern heute denken: die Wandlung der Unterstützung.

Oftmals werden frühere Zeiten heute sehr verklärt, wenn von der Großfamilie gesprochen wird, der unterstützenden Sippe, dem Zusammenleben in einem großen Haus. Diese Art des Zusammenlebens fand so, wie wir es uns heute vorstellen, nur sehr bedingt im Laufe der Menschheitsgeschichte statt. Dennoch ist festzuhalten, dass wir heute in einer besonderen Situation der Vereinzelung als Eltern leben: Wir wohnen in großen Städten isoliert in einzelnen Wohnungen, in denen oftmals Mütter allein mit ihren kleinen Kindern sitzen.  Wir haben heute als Eltern für das Leben unserer Kinder andere Ziele als noch unsere Elterngeneration, gehen auf dieser Basis und durch Erkenntnisse der Bindungsforschung und Psychologie  anders mit unseren Kindern um. Uns fehlen oftmals Vorbilder für das Zusammenleben und die Gestaltung der Elternschaft.

Eltern im Internet

All diese Faktoren zusammen führen dazu, dass Eltern heute anderen Angeboten nachkommen, um Elternschaft zu leben: Sie suchen sich Vorbilder oder Gruppen im Internet, organisieren sich über Facebook in bestimmten Gruppen zum Austausch über veganes Familienessen, bindungsorientierte Elternschaft, moderne Stoffwindeln oder windelfreie Babyzeit.  Sie tauschen sich über Foren oder WhatsApp Gruppen aus, nehmen mit Periskope andere Eltern mit zur Zubereitung ihres Mittagessens oder sammeln Ideen zur Kinderzimmergestaltung auf Pinterest. Elternschaft findet heute auf vielen verschiedenen Ebenen durch viele verschiedene Dienste im Netz statt.

Digitale Hilfsmittel für Eltern: Eine wirkliche Hilfe?

Und neben dem Internet haben auch zahlreiche andere digitale Hilfsmittel Einzug in den Familienalltag gefunden: Digitale Fieberthermometer sind schon fast wieder ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, denn immer weiter geht die Bereitstellung digitaler Hilfsmittel für den Familienalltag: Beginnend bei Apps für die Natürliche Familienplanung über Wehen- und VornamensApps bis hin zu all den Dingen, die uns Eltern Erleichterung im Alltag schaffen sollen, uns zu „besseren“ Eltern machen können: Schlafmatten, die anzeigen, ob das Kind im Schlaf noch atmet, Milchzubereitung durch Kapselautomaten, Kinderwagen, die nicht mehr geschoben werden müssen, Babywippen, die nachahmen, dass das Baby an einem menschlichen Körper getragen wird.

Sie alle suggerieren: Ich mache Dir den Alltag leichter, ich unterstütze Dich in der Elternschaft, ich helfe Dir. Doch in vielen Fällen ist dies nicht so einfach zu sagen: Das Internet kann eine große Bereicherung für Eltern sein mit der Möglichkeit zum Austausch, zum Zusammenfinden. Oftmals kann nachts in schweren Situationen hier ein freundliches Wort oder ein hilfreicher Tipp gefunden werden. Doch ebenso gibt es auf der anderen Seite Beschimpfungen und Anfeindungen, wenn man dem anderen nicht persönlich gegenüber steht. Neben all den vielen positiven Dingen gibt es auch hier im Netz Probleme, wenn Blogs bezahlte Werbungen nicht kennzeichnen und Eltern zu Einkäufen verleiten möchten. Oder wenn persönliche Laienartikel geschrieben werden über Themen wie das Impfen oder falsche Informationen über das Stillen geteilt werden. Gerade Fehlinformationen sind heute ein großes Problem, wenn eine Frage lieber gegoogelt wird als bei einer Fachfrau/einem Fachmann ein Rat eingeholt wird – oder dies erst nachdem man 10 verschiedene Empfehlungen schon im Netz gelesen hat und vollends verwirrt ist.

Und auch auf Seiten der digitalen Hilfsmittel sind die Interessen oft nicht die der Eltern, sondern die großer Unternehmen: Was auf der einen Seite durch geschickte Worte als unglaubliche Unterstützung im Alltag beworben wird, kann auf der anderen Seite genau das Gegenteil sein: Viele dieser Hilfsmittel entfernen uns viel weiter von unseren Kindern als sie uns helfen, sie zu verstehen und den Alltag zu erleichtern. Selbst fahrende Kinderwagen schaffen maximale Distanz zwischen Eltern und Kind, wie auch Babybettchen in eigens eingerichteten Kinderzimmern statt im Schlafzimmer der Eltern. „Übersetzungsmaschinen“, die angeben, ob das Baby Hunger hat oder eine frische Windel braucht, Kuscheltiere mit Herzschlag, sich automatisch bewegende Wippen und Wiegen sollen dem Kind die Nähe und den Schutz einer Bindungsperson vorgaukeln, die ein Baby für ein gesundes Aufwachsen benötigt. Mit vielen Mitteln wird versucht, das Baby immer weiter von den Eltern entfernt zu halten wie ein eher störendes Objekt, dessen Grundbedürfnisse eben irgendwie befriedigt werden sollen und können. Im Versuch, die kindlichen Bedürfnisse zu befriedigen, entfernen wir uns von den wirklich wichtigen Dingen für Kinder immer weiter: körperliche Nähe, liebevolle Zuwendung, intuitive Bedürfnisbefriedigung, Empathie. Das bringt weitere Probleme mit sich, obwohl diese Sachen doch eigentlich Lösungen anbieten sollten. Wir Eltern wollen alles richtig machen für unsere Kinder und doch fällt es uns so schwer, darauf zu vertrauen, dass wir das auch wirklich selber können.

Internet und Hilfsmittel können Eltern helfen – oder verunsichern

Das Internet und digitale Hilfsmittel können nicht ersetzen, was wir als Eltern von Natur unseren Kindern entgegen bringen sollten. Es kann an vielen Stellen eine gute Hilfe und Unterstützung sein, doch ersetzt es eben oft nicht die liebevoll helfende Hand eines anderen Menschen, den zugewandten Ratschlag einer fachkundigen Person oder die wirkliche Zuwendung mit einem freundlichen Wort. Wir sollten immer auch mit einem kritischen Auge die Dinge betrachten, die wir hier angeboten bekommen und uns fragen, wessen Interessen hier wirklich im Vordergrund stehen.

So sehr ich mich hier im Internet auch zu Hause fühle, so sehr ich den Austausch genieße und sehr viele positiven Seiten sehe der Vernetzung, bleibt manchmal auch ein leichte Beklemmung zurück durch das, was dies alles auch bedeuten kann.
Wie geht es Euch damit?

Eure
Susanne_clear Kopie

 

Hier könnt Ihr die Folien zum Vortrag ansehen.

  • Ich denke, wir selbst müssen das lernen, was wir unseren Kindern dringend beibringen sollten: Die Kompetenz fachkundige Aussagen von subjektiven Meinungen zu unterscheiden und denen Glauben zu schenken, die wirklich Ahnung auf einem Gebiet haben. Auch Laienmeinungen können wertvoll sein, wenn sie denn mit Quellen belegt sind, die die Meinung stützen. Da muss man sich dann die Arbeit machen die Glaubwürdigkeit der Quellen zu bewerten, die ihrerseits wahrscheinlich wieder Quellen haben. Das Internet ist hier eine sehr mächtige Informatiosquelle, aber mit großer Macht kommt große Verantwortung, und das auch beim Konsumenten der Informationen nicht nur bei ihrem Absender. Leider gehört aber genau diese Bildung in Medienkompetenz noch nicht zur allgemeinen Schulbildung und man lernt (wenn man Glück hat) wenn man studiert wie man Quellen bewertet. Deswegen ist es natürlich eine recht priveligierte Sichtweise und ich bin mir bewusst, das längst nicht jeder die Fähigkeiten hat (haben kann). Aber ich denke da sollten wir ansetzen und versuchen das zu vermitteln.

    Kurz gesagt: Man soll nicht jeden Scheiss glauben ohne ihn zu bewerten.

  • Das Internet und die digitale Vernetzung ist irgendwie Fluch uns Segen zugleich: Der Austausch mit und das Lernen von Gleichgesinnten können eine große Hilfe sein, die Informationsflut dagegen kann eine gewisse Orientierungslosigkeit bewirken. Eine weitere Problematik ist aber auch die Vereinsamung vieler Eltern, die durch das Internet eben nur scheinbar aufgehoben wird,