Der Verantwortungsschock

Gestern unterhielt ich mich mit einer anderen Mutter. Sie berichtete mir von der ersten Zeit mit ihrem ersten Kind und sagte etwas, was mich sehr bewegt hat „Und dann war dieser Verantwortungsschock: Nur weil ich das Kind geboren hatte, sollte ich jetzt auch wissen, wie man das alles macht!“ Ich dachte noch eine ganze Weile darüber nach und fand, dass sie wirklich recht hatte: Ja, nach der Geburt kommt oft ein Verantwortungsschock und auch ich erinnere mich daran, wie ich mein erstes Kind unbeholfen im Arm hielt und mich fragte, was ich denn jetzt den ganzen Tag so tun würde und wie das überhaupt gehen solle. 

Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich an einige Augenblicke, bei denen ich mir dachte: Ich kann das nicht, ich weiß nicht wie! Das erste Mal anziehen, die erste Windel anlegen. Unbeholfen öffnete ich den Wickelbody und hielt dieses kleine Wesen, bei dem ich so große Angst hatte, dass ich es irgendwie kaputt machen könnte. Das erste Mal baden und dabei das Kind irgendwie so halten, dass es sich wohl fühlt. Das erste mal allein das Kind ins Tragetuch binden und die Angst, es könnte heraus fallen. Das erste Mal das Kind in der Babyschale anschnallen. Das erste Mal ein krankes Kind haben und nicht wissen, was zu tun ist und die große Angst, dass es wirklich etwas ganz Schlimmes sei. Die erste Platzwunde. Das erste Mal dem großen Kind das kleine Geschwisterkind zeigen und Mutter von zwei Kindern sein, beide lieben, für beide da sein.

Die Liste der vielen Male, in denen ich Angst hatte, in denen ich mich geschockt fühlte von der Verantwortung, die ich auf einmal trug, lässt sich lang fortsetzen. Die Verantwortung für ein Kind, ein Leben, ist mit keiner Verantwortung zu vergleichen, die ich jemals sonst hatte. Sie endet nie, hat keine Pause. Ist mein Kind nah oder fern, ist es Tag oder Nacht, bin ich doch für sein Wohlergehen irgendwie verantwortlich.

Geschwister_nach_geburt

Heute, nach so vielen Jahren, nach so vielen Erfahrungen ist es um so vieles einfacher. Geübt ziehe ich Kinder an und aus, messe Fieber, füttere sie, binde sie ins Tuch, bade, spiele, singe. Es ist alles einfacher geworden und der Druck und die Angst dieser allerersten Zeit haben nachgelassen. Aber manchmal gibt es sie auch heute, diese Momente, in denen mich der Verantwortungsschock einholt. In denen ich denke: Oh, wow, hoffentlich mach ich das jetzt auch irgendwie richtig, denn das erwarten sie doch von mir. Manchmal gehen die Sachen trotzdem daneben und auch das habe ich von der Zeit gelernt: Es ist nicht so schlimm, wenn mal etwas daneben geht. Der Schock vor der Verantwortung ist gewichen und auch vor den möglichen Konsequenzen. Es geht schon irgendwie.

Und ich habe im Laufe der Jahre auch verstanden, dass die Verantwortung gar nicht nur auf mir ruht, auch nicht nur auf meinem Partner und mir. Denn es gibt viele helfende Hände um einen, die Verantwortung abnehmen, die helfen und unterstützen. Hebammen, die einen anleiten können, Familie und Freunde, die unterstützen, andere Eltern, denen man auf dem Weg begegnet und die ein Teil der Familie werden. „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“ bezieht sich nicht nur auf den Bedarf des Kindes nach anderen, sondern auch auf uns Eltern. Und zwar nicht nur auf die tatsächlich helfenden Hände, sondern auch auf die unsichtbaren Hände, die uns einfach „nur“ Last und Verantwortung von den Schultern nehmen und uns leichter durch das Leben gehen lassen.

Und nicht zuletzt zeigt es uns auch, wie wichtig es ist, dass wir uns unseren Kindern gegenüber öffnen, sie einbeziehen und sie mit anderen Familien zusammen sein lassen sollten. So können sie von Anfang an erleben, was es bedeutet, Familie zu sein. Und vielleicht fällt es ihnen dann eines Tages leichter…

Eure
Susanne_clear Kopie

  • Sinebiene

    Oh, wow, hoffentlich mach ich das jetzt auch irgendwie richtig, denn das erwarten sie doch von mir.

    Ich finde diesen Gedanken interessant und Frage mich, ob es ihn früher auch schon gab. Ich habe das Gefühl, dass das ein ziemlich „moderner“ Gedanke ist. Er hat eine Verbindung zu dem „Was ich nicht für meine Kinder tue“- Gedanken, und evtl mit moderner Empfängnisverhütung. Hatten Eltern früher evtl. gefühl weniger Verantwortung/ einen kleineren Verantwortungsschock, nicht nur, weil die Familien näher und größer waren, sondern auch, weil sie die Entscheidung Kinder zu haben weniger Bewusst getroffen haben?
    Meine Mutter meint, dass man sich da früher nicht so wahnsinnig viele Gedanken drüber gemacht hätte wie heute. Wenn man sich weniger Gedanken über das Kinderzeugen/kriegen macht, macht man sich dann nicht auch weniger Druck?
    Meine Kinder können mich später dezidiert dafür verantwortlich machen, dass ich sie in diese Welt „gesetzt“ habe. Ist das alles Druck, den mir meine imaginären, zukünftigen Kinder machen? Das wäre ja irgendwie schade.

  • Anja B.

    Ohhhh ja, man kann sich noch so gut auf die Geburt vorbereiten, Geburtsvorbereitungskurse besuchen, Bücher über Bücher lesen, sich Ratschläge von befreundeten Eltern einholen, aber niemand, aber auch wirklich niemand bereitet die werdenden Eltern auf dieses Gefühlschaos nach der Geburt vor. Diese neuen Gefühle, diese unbekannten Sorgen, die auf einmal auf einen einprasseln, ohne dass man das so gewollt hat und die man nicht so einfach mal eben wieder abgeben kann à la „Das hatte ich so nicht bestellt !“. Verantwortungsschock- das trifft es sehr gut ! Und wehe, du beschwerst dich, denn ! „DU hast es ja so gewollt“ ! Auch fünf Jahre nach der Geburt meines ersten Kindes fühle ich diese tiefe Dankbarkeit gegenüber meiner allerliebsten Hebamme Lena und meinen liebenden Mann. Ohne die Unterstützung dieser beiden wundervollen Menschen, hätte ich wahrscheinlich nicht so leicht meinen „Verantwortungschock“ verkraftet.

  • Ursel Piepenkötter

    Oh, ich erinnere mich noch mit Schrecken daran. Ich war gerade 23 geworden. Das letzte Baby in der Familie war mein Bruder (zu dem Zeitpunkt 20). Ich saß auf dem Krankenhausbett und meine Tochter weinte und ich traute mich nicht, sie aus dem Bett zu heben. Bedürfnis kämpfte gegen Unsicherheit. Jung und alleinstehend schwanger, jung und alleinerziehend waren da viele wohlmeinende Ratschläge, viel Besserwissen, aber wenig Unterstützung in menschlicher Hinsicht. Zutrauen, wenn man es so nennen will. Von anderen in mich und letztlich dann auch von mir in mich selbst. Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich, dass ich vieles sehr gut gemacht habe und vieles gut oder noch viel besser gemacht hätte, wenn ich mehr auf mich und mein Bauchgefühl gehört hätte. Das ist etwas, dass ich jetzt in meiner beruflichen Praxis versuche die jungen und oft unsicheren Mütter weiterzugeben. Und dann später auch an meine Töchter. Und ich hoffe inständig, dass ich es schaffe, nicht die Besserwisser-Einmisch-Oma zu sein. Aber bis dahin hab ich ja noch etwas Zeit meine Gelassenheit zu trainieren.

  • Cafétasse

    Hallo Susanne. Auch ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern. Bevor ich schwanger wurde arbeitete ich in einer internationalen Firma in China und hatte 35 Mitarbeiter in 3 Bereichen für die ich „verantwortlich“ war, wie man so schön sagt. Der Verantwortungsschock kam bei mir nicht so sehr mit der Angst oder Sorge daher, dass ich etwas nicht richtig mache. Vielmehr wurde mir ganz plötzlich klar, was Verantwortung wirklich bedeutet. Da liegt dieses kleine Wesen und ich spüre dieses riesige, übermächtige Gefühl… Und denke mir, die Verantwortung, die ich bisher hatte, und mag sie noch so „groß“ gewesen sein, ist nichts gegen das hier. Ich glaube, dieses Gefühl hat mich dann auch darin bestärkt, den Weg der altmodischen Familie einzuschlagen.
    Viele Grüße und ein schönes Wochenende!