Geborgenheit bedeutet… von Wheelymum

Ju schreibt auf ihrem Blog wheelymum über ihren Alltag mit ihrem Kind und ihrem Mann – ein schönes, liebevolles Elternblog. Eines von vielen, das sich auf den zweiten Blick dennoch ein wenig unterscheidet, denn sie schreibt aus der Perspektive einer Mutter mit Behinderung: Die meiste Zeit des Tages verbringt sie im Rollstuhl. „Immer höher, immer weiter ist nicht drin. Und wisst ihr was? Das macht nichts. Im Hier und Jetzt zu sein, darauf kommt es bei mir an.“ So berichtet Ju von ihrem geborgenen Familienleben:

Was bedeutet für dich Geborgenheit?

Wenn mein Sohn redet, höre ich ihm zu.
Wenn mein Sohn lacht, freue ich mich mit ihm.
Wenn mein Sohn weint, dann tröste ich ihn.
Wenn mein Sohn stürzt, dann nehme ich ihn auf den Arm.
Wenn mein Sohn müde ist, dann begleite ich ihn in den Schlaf.
Wenn mein Sohn Hunger hat, mache ihm etwas zu essen.
Wenn mein Sohn eine volle Windel hat, dann ziehe ich ihm eine frische an.
Wenn mein Sohn auf die Toilette muss, dann gehe ich mit ihm zur Toilette.
Wenn mein Sohn spielen möchte, dann spielen wir.
Wenn mein Sohn malen möchte, dann malen wir.
Wenn mein Sohn frische Luft braucht, dann gehen wir gemeinsam raus.
Wenn mein Sohn wütend ist, dann bleibe ich bei ihm.
Wenn mein Sohn krank ist, kümmere ich mich um ihn.
Wenn ich meinen Sohn abends ins Bett bringe, lese ich ihm etwas vor.
Bevor mein Sohn einschläft, gebe ihm einen Kuss uns sage ihm, dass ich ihn liebe.

Sollte mein Sohn davonrennen, kann ihm nicht folgen.
Sollte mein Sohn einen Arzt brauchen, so muss entweder der Arzt kommen oder ich brauche Hilfe.
Hat mein Sohn Schwimmkurs, muss der Papa mit ihm hin.
Laufrad fahren, lernte er mit Papa.
Fahrradfahren wird er mit Papa lernen.

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 Wie lebst Du Geborgenheit im Alltag mit Deiner Familie?

Wir sind beide seine Eltern. Wir sind beide für ihn da. Er braucht uns beide. Aber ich könnte unseren Sohn ohne meinen Mann nicht in seiner Entwicklung begleiten. Denn ich benötige selbst Hilfe. Ich bin eine Mama mit chronischer Erkrankung und bin ¾ des Tages auf den Rollstuhl angewiesen. Die restliche Zeit benötige ich Unterarmgehstützen. Aber das alles ändert nichts daran, dass ich meinen Sohn liebe und alles mögliche für ihn tue. Er soll eine Kindheit haben, in der er und seine Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Auch wenn dies nicht immer möglich ist. Dennoch ist dies unser Herzenswunsch. Und wir tuen alles in unserer Macht stehende um ihm dies zu erfüllen.

Wir haben einen normalen Alltag. Wir sind eine (fast) normale Familie. Ich bin mir sicher, wir sind nicht alleine in dieser Situation. Mit meinem Blog möchte ich auf und behinderte Eltern aufmerksam machen. Ich möchte eine Plattform bieten, auf der wir uns gegenseitig austauschen und helfen können. Gleichzeitig möchte ich „gesunden Eltern“ zeigen, dass wir uns gar nicht so sehr von Ihnen unterscheiden und sie keine Berührungsängste haben müssen. Auch ich komme an meine Grenzen, manchmal auch wesentlich früher als andere. Auch ich fühle mich manchmal hilflos.

Ich würde gerne mehr tun, aktiver sein. Aber es geht nicht. Dann muss ich ehrlich zu mir selbst sein und mir dies eingestehen. Immer höher, immer weiter ist nicht drin. Und wisst ihr was? Das macht nichts. Im Hier und Jetzt zu sein, darauf kommt es bei mir an. Dann kann ich für meinen Sohn da sein. Und für mich selbst. Ohne meinen Mann würde es nicht gehen. Er nimmt mich so an, wie ich bin. Für ihn gehört meine Krankheit dazu. Auch sie ist Alltag und keine Besonderheit. Er hält mir den Rücken frei, verschafft mir Freiräume damit ich mich erholen kann. Er ist der Fels in der Brandung. Wenn ich meine es geht nicht mehr weiter, dann ist er da. Und dann geht es weiter. Immer. Er vermittelt mir Sicherheit und ein Wohlgefühl, ein Angekommensein. Ich fühle mich geborgen bei ihm. Und ich hoffe, aus tiefstem Herzen, dass wir dieses Gefühl auch unserem Sohn vermitteln können. Er darf sich geborgen bei uns fühlen. Egal welche äußeren Bedingungen herrschen. Immer.

Gibt es Dinge, die für Dich in Bezug auf Geborgenheit unbedingt notwendig sind?

Geborgenheit ist für mich kein Ding. Es ist eine Atmosphäre – ein Lebensgefühl. In einem geborgenen Rahmen und Umfeld, kann man so sein wie man ist. Egal ob Kinder oder Erwachsene. Um ein Umfeld zu schaffen indem wir uns geborgen fühlen können und Geborgenheit geben können, sind für mich viele Elemente unabdingbar:

Verständnis: Ich möchte verstanden und angeommen werden. Mit dem was ich sage aber auch noch viel mehr indem was ich fühle. Wenn mein Sohn traurig ist, z.b. weil ihm sein Spielzeug kaputtging, dann will ihm zu verstehen geben, dass ich seine Traurigkeit verstehe und akzeptiere. Hier möchte ich noch keine Lösungen anbieten, sondern ihn und seine Empfindungen ernst nehmen. IMMER! Ohne dieses Verständnis kann für mich keine Geborgenheit entstehen. Jeder fühlt was und wie er fühlt. Es gibt kein richtig und kein falsch.

Vertrauen: Ich bin wie ich bin und das ist gut so. Das Gefühl sich geborgen zu fühlen, bedeutet für mich, sich fallen lassen zu können. So zu sein wie man ist. Ich zu sein. Und gleichzeitig das Vertrauen zu haben, das man gehalten wird – auch wenn man stürzt oder es nicht rund läuft. Ganz egal ob als Kind oder als Erwachsener. Im Bezug auf meinen Sohn bedeutet das für mich aber auch – ich vertraue ihm. Und auf ihn. Dadurch eröffnen sich ihm Räume indenen, er sich sicher und geborgen fühlen kann und sich dort selbst austesten, Erfahrungen sammeln und weiterentwickeln kann. Ich bin der sichere Pol und bin da,wenn er mich braucht. Sein Leben lang.

Ju ist Mutter eines zweijährigen Sohns und lebt in einem kleinen Dorf mit 8000 Einwohnern in Baden. Sie berichtet über ihren Familienalltag auf wheelymum.wordpress.com und ihr findet sie auch auf Facebook.

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