Bindungsorientiert Stärken für das Leben

„Unterschätze Dein Kind nicht.“ sagt mein Mann zu mir „Wir haben es bald sieben Jahre mit unseren Werten aufwachsen lassen; es ist auf das Leben vorbereitet, mit dem es sich nun auseinander setzt.“ Ich liebe ihn in solchen Momenten besonders, denn ich weiß, dass er recht hat. Und dennoch fällt es mir manchmal schwer, unser großes Kind in die Welt da draußen hinaus zu lassen. Eine Welt, die so ganz anders ist als unsere manchmal. In die Welt als Schulkind.

Noch nie zuvor hatte ich so sehr das Gefühl, dass mein Kind mit anderen Werten und Umgangsformen so stark konfrontiert wird wie in der Schule. Als die Kinder in den Kindergarten kamen, konnte mit der Auswahl des Kindergartens und der betreuenden Personen noch immer ein Rahmen geschaffen werden, der unserem in vielen Dingen ähnelte: Wir suchten einen Ort aus, an dem sich Eltern mit ähnlichen Grundsätzen zusammen fanden in einer sehr überschaubaren Anzahl. Wir suchten ErzieherInnen, die ebenso dazu passten und hatten – als wir feststellten, dass es vielleicht doch nicht so passte – die Möglichkeit, sie dort wieder heraus zu nehmen. Unsere Umgebung durch Freunde und Bekannte blieb immer recht homogen, was die Grundwerte betraf.

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Als die Schulzeit begann, änderte sich dieser Rahmen: viel mehr Kinder trafen in einer Klasse zusammen als der Kindergarten überhaupt umfasste. Kinder und Familien mit sehr anderen Erziehungsgrundsätzen und auch LehrerInnen, die wir uns diesmal nicht aussuchen konnten. Keine Eingewöhnung, keine Hospitation für uns Eltern. Keine Möglichkeit, nach kurzer Zeit zu sagen: Ach, es passt doch irgendwie nicht, wir lassen das lieber mal. In Deutschland besteht Schulpflicht. Auf einmal wurde Kleidung ein Thema, das es nie war. Farben – ob für Jungs oder Mädchen geeignet? Spiele und Spielsachen wurden kennen gelernt, die es bei uns nicht gab und geben wird. Schulmilch in Schoko, Erdbeer und Vanille wurde als „gesundes Nahrungsmittel“ angepriesen und gezuckerter Tee für alle aus dem Spender angeboten.

Für mich als Elternteil war es die größere Hürde, denn es ängstigt mich manchmal: Was, wenn mein Kind durch all diese Einflüsse nun ganz anders wird, als wir den Weg eigentlich legen wollten? In diesen Momenten benötige ich eine ruhige Hand auf meiner Schulter, die mich darauf hinweist, dass es eben den Weg geht, den wir zuvor geebnet haben. Die „gesunde Schokomilch“ wurde ausprobiert und selbständig entschieden, dass der dadurch verursachte Verpackungsmüll doch viel zu groß sei. Ob wir nicht lieber die Getränke von zu Hause in einer Trinkflasche mitgeben könnten? Selbstsicher und nicht beschämt wurde davon berichtet, dass wir zu Hause keine Knaller und Raketen zu Silvester benutzt haben, weil das nicht gut für die Umwelt und die Menschen aus dem Krieg sei.

Mein großes Kind ist ein tolles Kind. Und fast schäme ich mich ein wenig für meine besorgten Ängste. Ja, es geht seinen Weg. Wir sind das Zuhause, wir legen den Grundstein. Wir sind hier, die meiste Zeit des Tages, und vermitteln auch weiterhin unsere Werte. Doch es ist Zeit, dass diese Werte auch selbst erprobt werden dürfen. Kinder dürfen sich damit auseinander setzen, dass es auch andere Wege gibt. Sie brauchen Raum und Freiheit, um selbst zu erkunden,um abzuwägen, um sich zu entscheiden auf Basis ihres Wissens. Und doch kehrt mein Kind auf den Weg zurück, den wir gemeinsam als Familie gehen. Eine gute Bindung ist immer die Basis für freies Erkunden. Ich vertraue darauf, dass mein Kind sicher gebunden ist und dies das Fundament bildet für die Entscheidungen, die es treffen muss und wird im Leben. Und manchmal lernen auch wir Eltern noch etwas davon und erfahren, dass die anderen Dinge vielleicht auch manchmal nicht schlecht sind.

Es sind kleine Flugversuche, die mein Kind doch immer wieder zurück in das Nest bringen.

Eure
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  • Isabelle Kießling

    Ein toller Bericht! Geht Euer Kind auf eine „normale“ Schule?

  • Schöner Text. Ich bin auch der Meinung, dass wir Eltern unseren Kindern im Idealfall gute Werte und Ideale mitgeben können, von denen sie ein Leben lang zehren und leben können. Allerdings dürfen wir nicht den positiven Einfluss von anderen Menschen (Peer-Groups, Erzieherinnen, Verwandte,…) unterschätzen. Ein Kind kann und soll irgendwann selber entscheiden, ob es die Werte seiner Eltern leben möchte oder nicht. Wir Eltern haben keinen Anspruch darauf, daß unser Kind mal so wird, wie wir es uns mal vorgestellt haben. Wir dürfen nur gespannt dabei zusehen und staunen. Und loslassen.

    • lilysu

      Stimmt vollkommen. Mir ging es hier eher darum zu beschreiben, dass man sich nicht von anderen Dingen abschotten soll und Kinder auch wirklich die Auseinandersetzung mit anderen Dingen brauchen, um Dinge in Frage zu stellen und dann ggf. auf den Weg zurück kommen. – Oder eben auch nicht und man dann gemeinsam einen neuen Weg geht.

      • Genau. Sehr schön, wenn Kinder es bereits in diesem Alter schaffen, scheinbar „normale“ Dinge zu hinterfragen. Dazu braucht es viel!

  • Ich zweifle momentan gerade sehr am Bildungssystem. Und als Pädagogin darf ich mir sogar Gedanken „Homeschooling“ erlauben, das würde hier evt. sogar bewilligt. Und doch: Meine Kinder sollen dereinst nicht „geistigem Inzest“ ausgesetzt sein. Wenn ich dann wohl auch einiges bescheuert finden werde, was die Kinder in der Schule so mitkriegen, so hoffe ich wie du, dass sie genügend gut darauf vorbereitet sind. Und: Ist es nicht auch eine Form von Solidarität, wenn man die eigenen Kinder in das System „einspeist“, damit sie das „Gute“ (natürlich subjektiv!) weitertragen können?

    • Angela

      Warum sollte man sich (nicht nur als Pädagogin) den Gedanken an Homeschooling nicht erlauben? Für mich wäre die Motivation dafür sowieso weniger das „Abschotten“ meines Kindes (so wie es ja vielen christlichen Homeschooling-Eltern vorgeworfen wird), denn ich bin der Meinung der anderen Kommentatoren hier, dass andere Sichtweisen erlebt und vielleicht auch erprobt werden müssen, damit jeder den für ihn richtigen Weg finden kann. Viel mehr ginge es mir darum, meinem Kind möglichst lange die Lust am Lernen zu erhalten, die mir eher gefährdet erscheint (vgl. Gerald Hüther u.a.), zumindest in den allermeisten Einrichtungen – leider.

      • lilysu

        Der Gedanke ist da, die Umsetzung in Deutschland aber wohl eher sehr schwierig. Zudem bin ich dem Gedanken an Freilernen mehr zugeneigt als Homeschooling

        • Stimmt, ich auch (freilernen, natürlich!). Auch eindrücklich: Da mein Mann ab und zu für die öffentliche Schule „untragbare“ Jugendliche in 1:1-Betreuung unterrichtet, weiss ich, dass 8h/Woche Unterricht dort als volle Woche Schulbesuch gerechnet wird. Man stelle sich vor, was in der „freien“ Zeit alles gelernt werden kann (die Unterteilung ist ja schon extrem stossend). Oder anders: So viel Zeit müssen Kinder in der Schule „absitzen“, welche für so viel anderes freigehalten werden könnte… Was auch spannend wäre und mir immer wieder durch den Kopf spukt: „Clan- oder Quartierschulen“; eine kleine altersdurchmischte Gruppe, welche von Eltern, Pädagoginnen, Künstlern, Handwerkerinnen etc. begleitet wird. Ich weiss nicht, ob es so etwas schon gibt.

      • Entschuldigt die Ungenauigkeit: natürlich darf sich jeder diese Frage erlauben. Hier in meinem Kanton (die Schweiz regelt diese Frage kantonal) ist es halt so, dass man Pädagoge sein muss, dass ein Gesuch überhaupt geprüft wird. Deshalb ist es müssig, das als Nicht-Pädagoge in Betracht zu ziehen. Ich persönlich wünschte mir sehr viel mehr Menschen, welche Alternativen zum gängigen Schulsystem leben würden (zumal wir hier nicht einmal freie Schulwahl haben).

  • Katharina

    Ich lese hier gern mit. Und ich bin oft beeindruckt. So auch bei diesem Posting: Ihr scheint zu wirklich jedem möglichen Thema, das einem mit Kind begegnet, einen klaren Standpunkt zu haben. Und euch dabei auch sicher zu sein. So etwas beschäftigt mich immer sehr und ich würde gern wissen, ob das in eurer Familie immer schon so war. Ich bin erst seit 16 Monaten Mama und ich bin doch schon noch oft verunsichert, gerade auch von eigentlich hilfreich Gedachten, aufgeschriebenen Gedanken. Gibt es da einen „Leitfaden“ dem ihr folgt? Wie habt ihr es geschafft, zu so vielen Verschiedenen Themen eine gefestigte Meinung zu haben? Vielen Dank und viele liebe Grüße, Katharina

  • Eva

    Ich bewundere euren Weg. Ich finde es ganz wichtig, Begegnungen mit dem „Anderen“ zu ermoeglichen. Begegnungen mit anderen Menschen, Vorstellungen, Werten, Kulturen, familiaeren Hintergruenden, und und und. Die Schule bietet meiner Meinung nach einen relativ sicheren Raum dafuer, solche Erfahrungen zu machen.