Das Kind als Mängelexemplar? Plädoyer für mehr Freiheit für Kinder

Mangel und Förderung. Das sind die beiden Schlagworte, die ich ständig in Bezug auf Kinder höre oder lese. Das Kind als Mängelexemplar, denn anscheinend ist es nicht fertig, muss erzogen, zurechtgebogen und natürlich gefördert werden. Babys und Kinder, so wird es uns eingeredet, mangelt es so nahezu an allem. Das betrifft sowohl das Innere als auch das Äußere: Im Inneren haben wir uns beständig mit Eisenmangel, Vitaminmangel und anderen Ernährungsmängeln zu beschäftigen, psychisch sowieso damit, dass das Kind in den ersten Jahren einen Mangel an Einfühlungsvermögen in andere besitzt und im Äußeren gibt es große Mängel in Hinblick auf die richtige Förderung, Gestaltung der Umwelt und Formung des Kindes durch Eltern, Kindergarten und Schule. Mängel bestimmen heute das Bild vom Kind wie es scheint.

Mangel an Vitaminen aus dem Kind heraus?

Ist es tatsächlich so, dass Babys und Kinder Mängelexemplare sind? Schadhafte, nicht ganz funktionierende Ausgaben der richtigen Erwachsenen? Vielleicht hilft es uns, wenn wir einmal genauer hinsehen auf die kindlichen Bedürfnisse und die Entwicklung. Gestern habe ich auf einem Elternblog einen Artikel darüber gelesen, dass Kinder häufig unter Vitamin D Mangel leiden und es deswegen oft sinnvoll sei, Vitamin D auch nach dem zweiten Geburtstag als Tablette oder Öl zu geben, um Mangelerscheinungen vorzubeugen. Mein Gedanke hierzu war, dass ich mich, bevor ich mich mit einer Lösung – Hormongabe oder nicht – beschäftige, erst einmal mit den Ursachen eines solchen Mangels auseinander setzen muss. Es besteht ein Mangel – aber warum? Und warum ist es gerade so, dass gerade ältere Kinder und Erwachsene besonders unter diesem Mangel leiden? Könnte es sein, dass dieser Mangel aufzeigt, dass mit einem kindlichen Bedarf falsch umgegangen wird? Vagedes und Soldner schreiben in ihrem Kindergesundheitsbuch (2010, S.43f.) dazu:

Während der industriellen Revolution bekamen besonders in England viele Kinder eine Rachitis. Schlechte Ernährung, vor allem aber das Leben in dunklen Wohnungen und Hinterhöfen mit allgemeinem Lichtmangel fürhten zu ungenügender Vitamin-D-Bildung. […]

Untersuchungen an Kindern und Jugendlichen in westlichen Ländern zeigen, dass ein Vitamin-D-Mangel gerade bei Jugendlichen immer häufiger wird. Grund dafür ist die mangelnde Aufnahme von Sonnenlicht an langen Schultagen und während der Stunden vor dem PC und Fernseher. […]

Kaum bedacht wird, dass Sonnencreme einen Vitamin-D-Mangel verstärken kann.

Ein Mangel, und das unabhängig davon ob nun an Nahrung, Bewegung, Anregung, entsteht nicht aus dem Kind heraus. Nicht das Kind ist per se ein Mängelexemplar. Es kann vorkommen, dass wir Kinder zu Mängelexemplaren machen. Indem wir sie von vorn herein als solche ansehen oder indem wir ihre Bedürfnisse nicht beachten, ihre Möglichkeiten beschneiden. In Bezug auf Vitamin D vielleicht dadurch, welche Möglichkeiten der Ernährung und Bewegung im Freien wir ihnen bieten. Ob wir zu wenig draußen sind und ihnen zu wenig Möglichkeiten geben, sich im Freien zu bewegen. – Wie wir damit im Anschluss umgehen, müssen Eltern, ggf. mit Ärzten gemeinsam klären. Doch wichtig ist die Betrachtung, dass nicht das Kind von sich aus einen Mangel mit sich bringt, sondern dieser Mangel Ursachen haben kann, auf die wir einwirken können. Ursachen, die aufzeigen, wie weit wir uns von den kindlichen Bedürfnissen im Alltag entfernen.

Empathiemangel bei Kleinkindern?

Betrachten wir ein anderes Beispiel: Oft wird davon gesprochen, dass Kinder unter 3 Jahren noch nicht besonders empathisch sind, dass es ihnen an Einfühlungsvermögen in andere mangelt. Wir sprechen von der Theory of mind. Doch dieser Mangel besteht in Wirklichkeit nicht. Kinder können sich in einem bestimmten Alter noch nicht in andere hinein versetzen, das stimmt. Doch ist das Fehlen dieser Fähigkeit kein Mangel, sondern der natürlichen Entwicklung geschuldet: Kinder lernen zunächst sich zu verstehen, sich wahrzunehmen, sich in Beziehung zur Umwelt zu setzen und auch sich, als eigene Person überhaupt erst zu empfinden in Abgrenzung der Bindungsperson. Und dies alles ist die Voraussetzung dafür, dass Kinder dann – danach – lernen können, sich auch in andere hinein zu versetzen. Ist fehlende Empathie am Anfang des Lebens also ein Mangel? Nein, es ist eine wichtige und notwendige Voraussetzung für die weitere Entwicklung. Es ist ein Schritt auf einem Weg. Diesen Schritt als Mangel zu bezeichnen, wäre falsch und unterstellt dem Kind eine Form des unsozialen Verhaltens, die es eben gerade nicht zeigt. Schließlich ist es bemüht und auf dem Weg.

Mangelnde Bewegungsfreude bei Kindern?

Oder betrachten wir die Bewegungsfähigkeit des Kindes: Geklagt wird darüber, dass Kinder nicht mehr auf Bäume klettern können oder nicht rückwärts laufen. Ist dieser Umstand dem Kind geschuldet? Wohl kaum, es sind die Rahmenbedingungen, die ihnen nicht mehr ermöglichen, diese Erfahrungen zu machen. Nicht das Kind trägt einen Mangel in sich, sondern wir bieten Kindern nicht mehr die Möglichkeiten an, die sie benötigen für eine normale Entwicklung. Kinder bewegen sich nicht von sich aus wenig oder falsch. Die Rahmenbedingungen sind es, die ihnen ihre Entwicklung ermöglichen. Können sie sich schon als Babys nicht ausreichend bewegen, liegen sie fest in Wippen, Autositzen oder die Bewegung einschränkenden Spieltrapezen, haben sie auch keine Möglichkeiten, sich zu bewegen. Ebenso trifft dies bei größeren Kindern zu, wenn sie nicht die Möglichkeit haben, sich ihren Bedürfnissen entsprechend zu bewegen.

Plädoyer für mehr Freiheit

Betrachten wir all diese Beispiele, dann sehen wir: Kinder sind keine Mängelwesen. Vielleicht machen wir sie dazu, wenn wir ihnen Umweltbedingungen anbieten, die ihren Bedürfnissen nicht mehr entsprechen. Wenn wir ihnen nicht das geben, was sie benötigen. Und diese Bedürfnisse der Kinder lassen sich ziemlich auf einen Nenner bringen: Freiheit. Kinder brauchen Freiheit. Sie benötigen Raum, um sich nach ihren Bedürfnissen bewegen zu können ohne von Erwachsenen beeinflusst oder eingeschränkt zu werden. Sie müssen sich in Räumen ebenso wie in der Natur bewegen dürfen, unter freiem Himmel zu jeder Jahreszeit – denn genau das wollen Kinder. Sie müssen auch die Freiheit haben, über gesunde Nahrung selbst entscheiden zu dürfen, denn auch hierzu gibt es Untersuchungen, die belegen, dass Kinder sich nach ihrem natürlichen Bedürfnis nachgehend ausgewogen ernähren können, wenn sie die Wahl haben. Sie müssen die Freiheit haben, sich mit anderen Kindern auszutauschen, soziale Erfahrungen zu machen ohne dass Erwachsene in ihr Handeln ständig eingreifen. Wenn wir all dies zusammen fassen, stellen wir fest: Ein Kind ist ein Kind – ohne Mangel, ohne Förderbedarf, allein für sich richtig und genau so, wie es sein soll.

  • Lena B.

    Liebe Susanne,
    ja ja ja !!!!
    Vielen Dank für diesen Artikel, der mir in so vielem aus der Seele spricht.
    Der Artikel über den Vitamin-D-Mangel fühlte sich bei mir auch sehr seltsam an – aus diesem Grund.
    Und in so vielen Bereichen des Lebens geht sie „gerne“ weiter, diese defizitiäre Betrachtungsweise.
    Danke !!!!
    Lieben Gruß
    Lena

  • Gabi

    Guten Morgen! 🙂
    Ja, leider scheint es heutzutage so zu sein, dass Eltern die Aufgabe haben, aus einem Stück Rohmaterial, welches vermeintlich ungeformt und ungeprägt vor ihnen liegt, das bestmögliche Werkstück herzustellen. Mit der besten Ernährung, der besten Erziehungsmethode, der besten Förderung. Grundsätzlich ist das in Ordnung so, aber mir scheint, heutzutage hat sich da so eine Art Wettbewerb entwickelt. Die jungen Eltern messen sich gegenseitig an den „Leistungen“ ihres Kindes und an der Länge der Liste von speziellen „Für- und Versorgemöglichkeiten“, die sie ihrem Kind zukommen lassen. Erziehung und Förderung als Leistungsmesser für junge Eltern. Und wehe, das Kind tanzt aus irgendeinem Grund aus der Reihe. Zum Leid kommt nun noch der Druck, nicht genug getan zu haben, nicht genug zu sein als Mutter oder Vater….
    Immer, wenn ein Kind in unserer Ganztagsschule auffällig ist oder wird, denke ich: Entlaste und entschulde doch erst einmal jemand die Eltern, damit sie wieder fähig sind, weise und umsichtig zu agieren. Nehmt den Druck von ihnen, dass es allein in ihrer Hand gelegen hätte, aus dem Kind einen perfekt funktionierenden, kleinen Erdenbürger zu machen. Denn das ist mitnichten so.
    Fatal, wenn das Gefühl des Versagens sich auf die Eltern- Kind Beziehung niederschlägt.
    Naja. Ein paar Gedanken.
    Lieben Gruß
    Gabi

  • luisa

    Mein Kind ist im Waldkindergarten und hatte einen Vitamin D mangel.
    Alle Eltern die möchten können ja in gerne beim Arzt einen Test machen lassen ob es bei ihrem Kind auch so ist. (gezwungen ist ja niemand) ich Wohne sehr weit im Norden, und wir essen keinen Fisch Zuhause. (ich möchte erstens keine Lebewesen töten, zweitens möchte ich nicht die Umwelt zerstören und die fast schon ausgerotteten Fische weiter dezimieren)
    Das „natürliche“ verhalten von Menschen die weit im Norden leben, sollte wohl sein viel Fisch zu essen. Nun habe ich wohl aber auch eine Moral vorstellung und sitze nun in der zwickmühle. Ich persönlich habe mich für vitamin D entschieden. Jeder kann es natürlich ander handhaben. und zB Fisch essen.

  • localwurst

    Ich danke dir für diesen Artikel.

  • Tina

    Wieder so ein tolles Thema von Dir. Viel Lob und ein großes Dankeschön erstmal dafür. Zum Vitamin D Mangel hat mir kürzlich ein Arzt erzählt, dass das Hauptproblem Sonnenmilch sei. Wir schmieren die Kinder von oben bis unten damit ein, doch so kann die Sonne nicht an die Haut dringen und Vitamin D produzieren (übrigens auch nicht bei den Erwachsenen!). Klar bekommen wir damit keinen Hautkrebs, aber dafür viele andere Krankheiten auf Grund des Vit-D-Mangels. Ich versuche daher im Sommer nicht (mit ihr) zwischen 12 und 15 Uhr rauszugehen, aber davor und danach sie (und mich) uneingecremt zu lassen (außer die Sonne knallt wie blöde oder wir sind im Strand/Seeurlaub). Und im Herbst Winter geht sie zum Glück viel mit der Kita raus, raus, raus und ich versuche das auch. Best Tina

  • Maria

    Liebe Susanne,

    in Sachen Förderwahn und Freiheit stimme ich dir uneingeschränkt zu. Es macht mich traurig, dass Passanten sehr kleine laufende Kinder argwöhnisch beäugen, große freilaufende Hunde aber völlig normal sind.
    Ganz anderer Meinung jedoch bin ich in Bezug auf Vitamin D. Es ist inzwischen bewiesen, dass die UV-Strahlung hier nicht ausreicht und davon auszugehen ist, dass spätestens ab Februar die meisten Menschen ab Norditalien aufwärts an einem Mangel leiden (mehr dazu in der aktuellen Heilpraktikerzeitschrift). Natürlich arbeiten wir mehr drinnen, Kinder sind nicht mehr den ganzen Tag draußen, auch weil sich unser Leben immer mehr in die Städte verlagert, aber die Haut muss auch schon ganzjährig sehr großflächig freiliegen, damit eine ansatzweise ausreichende Produktion erreicht werden kann. Jeder muss selbst entscheiden wie er damit umgeht (dasselbe gilt für Vitamin B12, nicht nur bei sich vegan ernährenden Familien), aber ich persönlich kenne niemanden der auf einen Bluttest hin keinen VitaminD-Mangel hat, bei mir selbst waren die Speicher im Sommer fast leer, obwohl wir jeden Tag mehrere Stunden draußen sind (und auch nicht nur im Schatten, denn unter Sonnencreme oder im Schatten ist die VitaminD-Produktion natürlich noch geringer). Da die großen Studien zu VitaminD gerade noch laufen, wissen nur wenige Ärzte (und andere Menschen) um die Relevanz dieses Hormons.

    Lieben Gruß von Maria

  • julia

    Du sprichst mir so aus dem Herzen! All die Ärzte und Ratgeber, Therapeuten und Miteltern, die uns Angst machen, dass unsere Kinder nicht gut so sind, wie sie sind, dass man alles schon vorweg korrigieren muss, gar kein Mangel aufkommen lassen darf, lieber zuviel als zu wenig… Ich wünschte sie würden mehr solche Texte lesen und anfangen zu denken, zu fühlen, dass man Kinder nicht ziehen muss. Sie schauen, sie laufen, sie sprechen, sie schweigen, sie untersuchen und experimentieren und entwickeln sich Tag für Tag wie ein Wunder. Wenn wir sie doch ließen. Und wir Eltern könnten so viel mehr genießen. Ich versuche das zumindest.

    Liebe Grüße
    Julia

  • TanIschka

    🙂

  • Doris

    Mangel und Förderung sind die Grundlage für ein Riesengeschäft. Ein Beispiel: Endokrinologen
    warnen mittlerweile vor Vitamin-D Gaben. Die festgelegten Werte wurden
    2012 kurzerhand erhöht. Man macht dann die Werte fest an den Werten
    eines Landes, wo Vitamin D den Lebensmitteln zugesetzt wird
    (Nordamerika) Ein Mangel – der lt. den Experten wohl eher selten zu
    vermuten ist – ist weniger gefährlich als ein Zuviel des Hormons, was zu
    einer Hypercalcämie führt. Diese Mängel sind nach meiner Auffassung
    Angstmache und ein gutes Geschäft für die Hersteller. http://www.endokrinologie.net/presse_110208.php

  • Renate

    Mein Jüngster wollte schon als Kleinkind keine gesunde Nahrung! Da hat alles Vorbild nichts gebracht! Wust und Käse, Semmel und Brot. Er ist jetzt 14 und Obst und Gemüse geht immer noch nur als Art „Pflichterfüllung zum Zwecke der Gesundheit“ in Kleinstportionen in seinen Magen….

  • Maria

    Liebe Doris, was für die Referenzbereiche des Vitamin D gilt, gilt für Schilddrüsenwerte ebenso – auch hier wurden Werte angepasst und Endokrinologen verschreiben schneller Medikamente als noch vor ein paar Jahren, zum Wohle der Pharmaindustrie und zum Wohle vieler Patienten, deren unspezifische Symptome sich deutlich verbessern. Da Vitamin D die Schilddrüse positiv beeinflusst, ist klar dass von Endokrinologen dagegen argumentiert wird.

  • Leseratte

    toller Beitrag!!!