Neue Wege – Mütter und ihre Jobs: Mütterpflegerin Kathrin Roth

Kathrin_Roth

Nach der Geburt meines zweiten Kindes bin ich auch in den Genuss einer Mütterpflegerin gekommen: Eine Frau, die täglich kam, um im Haushalt zu helfen, Einkäufe zu erledigen oder Essen zu kochen. Heute erfahrt Ihr den persönlichen Weg einer Mütterpflegerin und könnt hinter die Kulissen blicken bei einer Frau, die sich um Mütter kümmert und selbst Mutter ist: Kathrin Roth ist Mütterpflegerin von Mamazeit Berlin und im Netzwerk Berliner Mütterpflege tätig.

1. Was hast du früher gemacht, wo hast du gearbeitet?

Nach dem Abitur und einem wunderbaren & erfüllenden Auslandsaufenthalt als AuPair von 3 kleinen und größeren Kindern an der Ostküste der USA USA habe ich in Berlin Geschichte, Literatur & Deutsch als Fremdsprache auf Gymnasiallehramt studiert. Ich habe sozusagen meine Schul-Lieblingsfächer studiert und habe auch heute noch eine große Leidenschaft für Bücher und Historisches. Das Studium an sich hat mich aber zunehmend weniger begeistert – ich empfand die Themen oft als zu „orchideenhaft“, wie man so nett sagt, zu wenig greifbar, mäßig relevant und merkte einfach, dass die akademische Welt mir persönlich nicht das geben konnte, was ich suchte, ja, mir sogar den Spaß an der Sache verdorben hatte.

 (So ging es mir also schon vor der Geburt meines 1. Sohnes, aber wie das so ist – es war schwierig, das diffuse Gefühl der Unzufriedenheit für mich zu konkretisieren und dann –   etwas einmal Angefangenes einfach so abzubrechen, zumal ich auch keine wirklich konkreten Vorstellungen hatte, was ich denn stattdessen eigentlich wollte.)

2. Warum wolltest Du nach der Geburt/Elternzeit einen neuen Weg gehen?

Mein Sohn kam 2008 auf die Welt. Nach einigen Monaten zu Hause, war ich wieder stundenweise an der Uni, hauptsächlich zum Selbststudium und zum Schreiben von Seminararbeiten. In dieser Zeit wurde er von meinem Mann betreut. Was sich vor der Geburt schon andeutete, wurde nun immer deutlicher: Ich wollte nicht (mehr) Lehrerin werden! Die erste Zeit mit meinem Sohn war sehr schwierig für mich – nach einer langen komplizierten Geburt war er ein unruhiges Baby, das viel schrie und mit meinen mütterlichen Erwartungen an das, wie ein Baby zu sein hatte, nicht in Einklang zu bringen. Es dauert einige Zeit, bis wir uns gut kennengelernt hatten und ich und er anfingen, uns zu entspannen. Da es nicht möglich war, meinen Sohn ohne extremes Weinen im Kinderwagen zu transportieren, brachte er mich zum Tragen mit Tragetuch und Tragehilfen. Ich war quasi „gezwungen“, mich mit dem Thema zu befassen, damit ich überhaupt mit ihm das Haus verlassen konnte, merkte aber gleich, wie viel Freude es mir machte. Da ich viel las und übte, wusste ich schnell einiges übers Tragen und wurde in kürzester Zeit in meinem Umfeld zur „Expertin“. Immer wieder wurde ich um Rat gebeten – ganz schnell auch zu anderen Themen wie Stillen, Schlafen etc. und das, obwohl ich doch selbst mitten im Lernprozess war und mich gar nicht sonderlich kompetent fühlte.

 Was mir aber sehr schnell klar wurde, war, welch immenser Beratungsbedarf bei jungen Eltern augenscheinlich besteht. Und in meinem Kopf wurde der Gedanke immer deutlicher:

Ich wollte im Leben anderer Eltern einen Unterschied machen. Einen kleinen Unterschied, der sie ermutigte, anstatt immer noch mehr zu verunsichern. „Da sein“ für Mütter, die über dem Schreien ihrer Kinder fast verzweifeln. Die denken, dass nur ihr Baby „so“ ist, dass nur sie diese oder jene Schwierigkeit haben.

In Dresden habe ich bei Ulrike Höwer dann meine Ausbildung zur Trageberaterin gemacht und bin seit 2010 zertifiziert. Im gleichen Jahr habe ich dann auch beschlossen, mein Studium nicht zu beenden und habe mich exmatrikuliert.

Im Internet stieß ich auf die Mütterpflegeschule in Gießen und wusste eigentlich sofort: DAS IST ES! Elternbegleitung auf einer breiteren Grundlage – aufsuchende Hilfe, praktisch, psychosozial und an dem „dran“, was für die Familien wichtig ist.

2010/2011 habe ich dann in Gießen meine Ausbildung zur zertifizierten Mütterpflegerin/FamilienLotsinn absolviert – Tragen, Stillen, Säuglingspflege, Gesprächsführung, Salutogenese, Ernährungslehre und vieles mehr standen auf dem Stundenplan. Eine sehr herausfordernde Zeit und gleichzeitig wahnsinnig spannend, lehrreich und gewinnbringend. Von Anfang an habe ich in Berlin Familien betreut, um meine nötigen Praxisstunden zu absolvieren. Im Unterricht haben wir viele Situationen in Fallbesprechungen nachbereitet. Kurz nach dem Abschluss habe ich meinen zweiten Sohn bekommen und bin nach 14 Monaten Elternzeit Ende 2012 voll wieder selbständig eingestiegen. Ich habe viele wunderbare Kolleginnen in vielen Stadtbezirken von Berlin, ich selbst arbeite mit Schwerpunkt Tempelhof, Schöneberg, Kreuzberg & Treptow.

3. Erkläre kurz, was Dir an Deiner Arbeit besonders gefällt.

Mir gefällt, dass keine Familie, keine Frau, kein Kind wie das andere ist. Jede Familie ist ein eigener Mikrokosmos, in den ich ein Stück weit hinein genommen werde, teilhaben darf, unterstützen darf.

Ich komme ja an einem sehr sensiblen Zeitpunkt in die Familie,die mir ihr Haus/ihre Wohnung öffnet – da wird mir meist ein ungeheures Vertrauen und sehr viel Dankbarkeit entgegen gebracht. Beides gibt mir viel Rückenwind.

Ich bin immer wieder völlig von den Socken, mit wie wenig man die Lebensqualität von jungen Müttern und ihren Kindern entscheidend verbessern kann. Manche Frauen brechen in Tränen aus, weil ich für sie gekocht habe und den Tisch vielleicht noch mit einer Serviette dekoriert habe, einfach, weil es sonst keiner macht und weil das „Bemuttert werden“ nach der Geburt manchmal einfach gut tut.

Jede Frau, jede Familie braucht etwas anderes – manchmal liegt ein großer Fokus auf der Geschwisterbetreuung, mit anderen bin ich viel bei Ärzten, in Zwillingsfamilien ist meistens einfach jede Hand hilfreich und ich habe immer ein Baby vor dem Bauch im Tuch.

Immer wieder sehr schön sind die Trageberatungen, die ich innerhalb der Mütterpflege immer anbiete. Da haben die Frauen den echten Bonus, dass ich ja meistens über Wochen da bin und sie viele Tragehilfen und Tücher auf Herz und Nieren prüfen und immer wieder nachfragen können. Da hängt wirklich mein Herz dran.

Manche Einsätze dauern Monate und dann ist der Abschied immer richtig schwer und zu der Familie auch so etwas wie eine Freundschaft entstanden. Manchmal hält der Kontakt und das freut mich sehr!

Insgesamt genieße ich natürlich auch, mein eigener Boss zu sein. Wenn ich viel arbeiten möchte, nehme ich mehr Anfragen an, ansonsten eben weniger. Der Bedarf ist riesig, ich könnte immer noch mehr machen und muss oft Anfragen ablehnen, was mir immer sehr leid tut. Aber es ist mir auch wichtig, auf mich selbst zu schauen und da sind Pausen wichtig und kommen auch meiner Familie zu Gute.

4. Wie gestaltest Du jetzt Deinen Alltag mit dem Job und Deiner Familie?

Meine Tage beginnen um 6 Uhr – bis 7.30 Uhr kümmere ich mich zusammen mit meinem Mann um unsere Kinder – Anziehen, Frühstück, Brotdosen packen etc., Sachen zusammen suchen, vielleicht eine Maschine Wäsche anstellen… und dann brechen wir zur Kita auf. Ich bin da sehr durchstrukturiert, lege Abends Kleidung raus und die Morgen laufen fast alle gleich ab.

Wenn ich die Kinder abgegeben habe, gehe ich oft in meinem Viertel direkt fürs Einkaufen einkaufen und fahre zu der Familie, die an dem Tag „dran“ ist. meistens ab 8.30/9.00 Uhr.

Die Familien, die ich betreue, bekommen von den Krankenkassen nach der Geburt eines Kindes eine Haushaltshilfe genehmigt – leider machen die Kassen da noch keinen Unterschied, aber wir Mütterpflegerinnen sind eben weit mehr als Putzfrauen – ausgebildet für viele Belange des Wochenbetts! Ich habe inzwischen viele tolle Hebammen kennengelernt, die begeistert sind von dem Angebot der Mütterpflege, weil sie da anfängt, wo die Zeit und die Möglichkeiten einer Hebamme aufhören! Wir haben keine medizinische Ausbildung und ersetzen also keineswegs die Hebammen, auch besteht keine Konkurrenz, es ist mir wichtig, das deutlich zu machen. Wenn ich im Erstgespräch Frauen kennenlerne, frage ich immer nach der Hebamme und empfehle deutlich, sich eine zu suchen, falls das noch nicht geschehen ist! 🙂

Frauen nach Haus- oder ambulanten Geburten bekommen bis zu 6 Tage nach der Geburt bis zu 8h eine Haushaltshilfe auf „Hebammenattest“ genehmigt. Alle anderen brauchen ein ärztliches Attest, das aus sehr unterschiedlichen Gründen ausgestellt werden kann. Vorerkrankungen der Mutter, schwere Geburtsverletzungen, Komplikationen schon in der Schwangerschaft, Kaiserschnitt, Brustentzündungen, Erschöpfungszustände und Wochenbettdepressionen, Mehrlingsgeburten etc.etc.

 Manchmal bin ich jeden Tag in den Familien im Einsatz, manchmal nur 2-3 Mal pro Woche – da kombiniere ich dann mehrere Familien miteinander. An manchen Tagen bin ich „nur“ bei einer Familie, an anderen mache ich mich nach 4h auf zum zweiten Einsatz des Tages. Nach Kochen, Einkaufen, Trageberatung, Babys kuscheln und allem, was an dem Tag anstand, mache ich mich dann auf den Heimweg. Meistens hole ich gegen 16 Uhr meine Kinder ab und verbringe dann den Rest des Tages mit ihnen – Spielplatz, Hobbys wie Musikschule und Schwimmverein, Verabredungen mit Freunden, Arzttermine.

 Wenn ich viele Familien  gleichzeitig betreue, holt auch mein Mann die Kinder ab und ich arbeite bis 17, 18 oder 19 Uhr. Das ist aber nicht die Regel. Irgendwie versuche ich zwischendrin noch Zeit für einen kurzen Einkauf und meinen eigenen Haushalt zu haben. Ich gebe auch zu, dass ich sehr froh bin, dass mein Mann oft bzw. eigentlich meistens das Kochen übernimmt. Wenn ich tagsüber schon für 2 Familien am Herd stand, ist die Motivation am Abend eher unterdurchschnittlich, das ganze ein drittes Mal zu machen! 🙂

Insgesamt versuchen wir auch, uns aufzuteilen bei dem, was anfällt. Unser großer Sohn hat recht viele Arzttermine, die mir mein Mann oft abnimmt, er übernimmt den Großeinkauf, kümmert sich um Dies und Das. Da ist eine doppelte Selbständigkeit auch ein Segen.

Abends überlege ich mir die Menüs für den nächsten Tag, beantworte Anfragen, koordiniere meine nächste Woche, mache Dokumentation etc. Meine Tage sind voll, aber meistens genieße ich es, das pralle Leben! 🙂

5. Würdest Du Deinen neuen Job anderen Müttern empfehlen? Wenn ja, warum?

Ich finde wie bei jedem Job gilt auch bei Mütterpflegerinnen, dass es sicher nichts für jeden ist. Viele können sich die Unsicherheit einer Selbständigkeit zum Beispiel nicht vorstellen. Hier in Berlin haben meine Kolleginnen, die länger als ich in der Mütterpflege arbeiten, schon viele Wege geebnet, insbesondere was die Abrechnung mit den Krankenkassen angeht. Die meisten arbeiten gerne mit uns zusammen. Ich weiß, dass das in anderen Bundesländern aber leider noch nicht so weit ist. Dann sind natürlich auch die Verdienstmöglichkeiten eingeschränkter.

Insgesamt ist es aber eine wirklich wunderbare Möglichkeit, „etwas mit Menschen“ zu machen, wie man so fast klischeehaft sagt. Wer bereit ist, sich auch mit sich selbst auseinander zu setzen und zu schauen, was man über sich selbst wissen muss, um diesen Job gut zu machen (Stichwort „Helferkomplex“) der kann auf jeden Fall viel Erfüllung finden. Man kann mit wenigen Mitteln für die Familien viel bewegen bzw. ihnen Hilfen an die Hand geben. Die meisten brauchen keinen dauerhaften „Krückstock“, sondern laufen mit ein bisschen Unterstützung wunderbar als Familie alleine weiter und genau das ist das Ziel! Die Dankbarkeit der Familien ist einem jedenfalls sicher.

Da man komplett eigenverantwortlich und selbstbestimmt arbeiten kann, ist meine Arbeit für mich auch mit kleinen Kindern optimal vereinbar. Für Zeiträume wie die Kitaschließzeit der Kinder nehme ich keine Frauen mit entsprechenden ETs an, danach geht´s dann mit neuer Kraft weiter.

Vielen Dank an Kathrin Roth für das Interview. In der nächsten Woche findet Ihr hier das Interview mit Patricia Taterra, Inhaberin des Hug & Grow in BerlinHast Du auch einen Job, den Du hier vorstellen möchtest? Dann schreib mir an [email protected]

Bisher in dieser Reihe erschienen sind Interviews mit Chemikerin @fraubruellenDoula Denise WilkEva Ella Hartmann von ringelmiezBettina M. Kreissl Lonfant von der Agence PhilosophiqueAnna Luz de León von BerlinMitteMomRamona Weyde-Ferch von jademond.de,Stephanie Oppitz von der Windelmanufaktur, und Simone Janke als me&i-Beraterin.

Auch Elke Peetz hat sich des Themas angenommen und zeigt hier 100 Probleme und 100 Lösungen von FrauenAlex Kahl ruft zu einer Blogparade zum Thema familienfreundliche Arbeitgeber auf.