Neue Wege – Mütter und ihre Jobs: Eva Ella Hartmann von ringelmiez

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Ich liebe hübsche Kinderkleidung. Und das ganz besonders, wenn sie für mich nachvollziehbar hergestellt wurde und ich sogar ein Gesicht dazu kenne. Eva Ella Hartmann von ringelmiez.de ist ein solches Gesicht hinter selbstgenähten Dingen. Und nicht nur das: Sie verbreitet Ihr Wissen um das Nähen auch in Büchern. Aber wie ist man selbständige Autorin, stellt schöne Dinge her und regelt gleichzeitig den Alltag mit 3 Kindern? Hier ist ihr Weg:

1. Was hast Du früher gemacht/wo hast Du früher gearbeitet?
Ich habe Philosophie, Geschichte und Deutsch auf Gymnasiallehramt studiert. Etwa Nach der Hälfte der Studienzeit, kurz nach dem Praxissemester, wurde mir klar, dass ich eigentlich keine Lehrerin werden möchte – zumindest nicht an einer staatlichen Schule. Der Kontakt mit den SchülerInnen hat mir großen Spaß bereitet; das Interesse und die geschlossene Begeisterung selbst schwieriger Klassen wecken zu können, war ein wunderbares Erfolgserlebnis. Aber das dann alles in vorgegebene Bahnen lenken zu müssen, einem Lehrplan unterordnen zu müssen, dessen Sinn ich nur begrenzt nachvollziehen konnte, und dabei von allen Seiten unter Druck gesetzt zu werden – das war mir zuwider. Da es für eine plötzliche Kursänderung seitens meiner Eltern aber kein Verständnis gegeben hätte, arbeitete ich auf das erfolgreiche Ende meines Studiums hin. Bis ich dann kurz vor dem Examenstermin schwanger wurde und meinen Abschluss wegen schwangerschaftsbedingter körperlicher Probleme aufschieben musste.

2. Warum wolltest Du nach der Geburt/Elternzeit einen neuen Weg gehen?
Durch die Geburt meines ersten Kindes haben sich meine Prioritäten grundlegend verlagert. Der Wunsch, meinem Kind eine gute Mutter sein zu wollen, hat es mir ermöglicht, mich von den Erwartungen meiner Eltern an mich frei zu machen. Als mein Sohn vier Monate alt war, beschloss ich, mein Studium nicht zu beenden. Das gab einen ziemlichen Knall, aber es war die richtige Entscheidung. Ich wäre in diesem Beruf nicht glücklich geworden.
Stattdessen fasste ich bald den Beschluss, mich selbstständig zu machen mit dem, was mich immer schon begeistert hat: Nähen! Damals find der DIY- und Crafting- Boom in Deutschland gerade an, so richtig loszulegen, ich gründete mit ringelmiez mein eigenes kleines Label. Recht erfolgreich verkaufte ich handgemachte Taschen, Milchütenhüllen und Stricknadelrollen in meinem Dawanda- Shop und nähte darüber hinaus Quilts und Stoffpuppen nach Waldorfart auf Kundenbestellung.
Das war so aber nur möglich weil das Gehalt meines Mannes ausreichte, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wir sind – oder waren es damals, mit nur einem Kind, das nicht viele Kosten verursachte – nicht auf zwei Gehälter angewiesen. Ich hatte keinen Druck, mit ringelmiez unbedingt eine bestimmte Summe verdienen zu müssen. Eine sehr komfortable Situation.
Mit dem zweiten Kind wurde es schon schwieriger einen fruchtbaren Arbeitsalltag zu etablieren. Ich überlegte viel herum, wie ich ringelmiez umgestalten könnte, dachte über das Schreiben und Verkaufen von Anleitungen, über Nähkurse und eClasses nach. Mitten in diesen Überlegungen bekam ich das Angebot, ein Buch beim Christophorusverlag zu machen. Der Christophorusverlag zählt zu den führenden Buchverlagen im Kreativbereich und vertreibt seine Bücher in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ich habe sofort zugesagt und für mein erstes Buch gegrübelt, entworfen, genäht und geschrieben, während ich mit unserem dritten Kind schwanger war. Es erschien kurz nach der Geburt unserer Tochter. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich schon wieder am zweiten Buch, das nun vor zwei Monaten erschienen ist. Und auch das wird nicht das letzte sein. Ich bin nun freie Autorin bei OZcreativ.

3. Erkläre kurz, was Dir an der Arbeit als freie Autorin von Handarbeitsbüchern besonders gefällt.
In meiner gegenwärtigen Lebenssituation ist es der perfekte Job für mich. Ich habe während eines Buchprojekts mit vielen verschiedenen Menschen zu tun, mit denen ich mich konstruktiv und kreativ austauschen kann. So banal es klingt, aber in einem Alltag, in dem mein einziger erwachsener Gesprächspartner sonst oft die Kassiererin im Supermarkt ist, ist ein solch anregender Austausch oft eine große Wohltat. Mein Kopf bekommt eine Menge Input, ich kann meinen Ideen eine Richtung geben. Bis auf ein paar Meetings, die im Verlagshaus stattfinden, kann ich mir meine Arbeitszeit völlig frei einteilen: Es ist ein sehr familienfreundlicher Job. Und natürlich ist es jedes Mal ein wunderbares Gefühl, wenn das Buch endlich fertig ist, ich es in der Hand halten und durchblättern kann und es dann irgendwann endlich in die Läden geht. Der Erfolg, mit dem sich meine Bücher bisher verkauft haben, macht mich glücklich und stolz.

4. Wie gestaltest Du jetzt Deinen Alltag mit dem Job und Deiner Familie?
Ich versuche, jede freie Minute zum arbeiten zu nutzen – und das sind mit drei Kindern nicht mehr allzu viele. Hinzu kommt, dass unsere Tochter mit einer genetisch bedingten Entwicklungsstörung zur Welt kam, weswegen sie deutlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit Bedarf, als ein gleichaltriges gesundes Kind. Vormittags kann ich nur sehr eingeschränkt arbeiten, weil wir jede Woche alleine drei feste, regelmäßige Therapietermine mit ihr haben. Oft kommt noch ein Arzttermin hinzu, oder es geht ein Vormittag für Organisatorisches rund um ihre Einschränkungen drauf. Also arbeite ich hauptsächlich Abends. Oft übernimmt mein Mann die Kinder am Wochenende und verschafft mir so zusätzliche Arbeitszeit. Auch ist er meist derjenige, der die Jungs zum Kindergarten bringt und wieder abholt, Das verschafft mir jeden Tag eine gute Stunde mehr Zeit, mich um meine aktuellen Buchprojekte zu kümmern. Und er ist es auch, der den Löwenanteil der Hausarbeit übernimmt. Er wäscht die Wäsche, er putzt die Bäder, er kümmert sich um den Müll, er räumt auf und wischt die Böden. Alles Dinge, die ich zugunsten meiner Arbeitszeit meist sausen lasse, weil der Ausgleich, den mir dieser Job bietet, wirklich wichtig ist für meine Zufriedenheit und mein Seelenheil.

5. Würdest Du Deinen neuen Job anderen Müttern empfehlen? Wenn ja, warum?
Um mit meinem Job so etwas wie ein richtiges Gehalt verdienen zu können, muss man auch nach einem langen, anstrengenden Tag noch in der Lage sein, abends konzentriert kreativ arbeiten zu können. Man braucht Disziplin. Eine weitere  Grundvoraussetzung ist das Vorhandensein von dem, was ich gern „Ideentourette“ nenne; also von einem irrsinnigen Output an kreativen Ideen, die irgendwo untergebracht werden wollen. Wenn das gegeben ist, würde ich meinen Job sofort anderen Müttern (und warum nicht auch Vätern) empfehlen, denn er ist wirklich sehr familienfreundlich. Abgesehen von der frei einteilbaren Arbeitszeit enthält die Arbeit an einem solchen Buch auch viele Schritte, die sich gut mit den Kindern zusammen machen lassen. Ich kann mich beispielsweise mit ihnen an den Tisch setzen und meine Modellskizzen entwerfen, während sie malen. Das ergibt sogar oft eine sehr schöne kreative Stimmung; wir haben so schon viele regnerische Nachmittage ganz vertieft in unsere Bilder verbracht. Ähnlich ist es bei Buchprojekten, bei denen z.B. viel Stickerei vorkommt. Da kann ich sticken, während sie Perlen auffädeln oder Klebebilder basteln, oder während wir zusammen Bücher angucken. Oft wirken meine Kinder auch sehr inspirierend auf mich und bringen mich auf Ideen für weitere Bücher.
Ich bin gespannt, auf welche Wege mich dieser Job noch führen wird, vor allem dann, wenn die Kinder langsam größer und meine Arbeitszeit leichter organisierbar wird.

Vielen Dank an Eva für das Interview. In der nächsten Woche findet Ihr hier das Interview mit der Doula und Familienbegleiterin Denise Wilk, die Mutter von 6 Kindern istHast Du auch einen Job, den Du hier vorstellen möchtest? Dann schreib mir an [email protected]

Bisher in dieser Reihe erschienen sind Interviews mit Bettina M. Kreissl Lonfant von der Agence PhilosophiqueAnna Luz de León von BerlinMitteMomRamona Weyde-Ferch von jademond.de,Stephanie Oppitz von der Windelmanufaktur, und Simone Janke als me&i-Beraterin.

Auch Elke Peetz hat sich des Themas angenommen und zeigt hier 100 Probleme und 100 Lösungen von FrauenAlex Kahl ruft zu einer Blogparade zum Thema familienfreundliche Arbeitgeber auf.