Neue Wege – Mütter und ihre Jobs: BerlinMitteMom Anna Luz de León

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Anna Luz de León habe zuerst virtuell als @berlinmittemom bei Twitter kennen gelernt bevor ich auf ihr wunderbares Blog BerlinMitteMom aufmerksam wurde und sie schließlich persönlich kennen lernen konnte. Ich schätze ihr Blog sehr, auf dem sie Geschichten aus ihrem Familienleben voller Herzenswärme veröffentlicht und oft zum Nachdenken anregt. Auch ihre Poems for a lifetime sind immer einen Blick wert. Aber wie organisiert sie das alles mit dem Schreiben ihrer schönen Texte und ihrer Familie mit 3 Kindern? Hier findet Ihr ihre Antworten auf meine Fragen:

1.  Was hast Du früher gemacht/wo hast Du früher gearbeitet?

Ich habe Germanistik und Kunstgeschichte studiert, habe in Literaturforen geschrieben und online Texte veröffentlicht, allerdings ohne eine echte Richtung. Eigentlich wollte ich in meinem Hauptfach promovieren, aber ich war zu meinem Magisterexamen bereits schwanger mit meiner ältesten Tochter und ein Umzug nach Berlin stand an. In der neuen Stadt und mit neugeborenem Kind hat sich sehr schnell gezeigt, dass eine Dissertation nicht mehr zu diesem neuen Leben passte.


2. Warum wolltest Du nach der Geburt/Elternzeit einen neuen Weg gehen?

Einerseits hatten sich vor allem meine Prioritäten verschoben, meine Themen waren andere. Andererseits gab es durch den Umzug auch keine Strukturen, in die ich zurück gekonnt hätte. Ich habe einige Zeit gebraucht, das zu bemerken und auch zu akzeptieren: die Dissertation war unrealistisch geworden und ich hatte keinen Plan B. Aber was ich einerseits beunruhigend fand, war gleichzeitig die schönste Zeit meines bisherigen Lebens: die intensiven ersten Jahre mit meinen Kindern, in der ich wie nie zuvor in meinem Leben das Gefühl hatte, alles richtig zu machen. Was nicht wegging, war eine Art grundsätzliches Schuldgefühl, dass ich nicht einen Plan B entwickelte, schien doch alle Welt um mich her das zu erwarten. Was zurück kehrte, war die Sehnsucht, zu schreiben. Wenn keine Dissertation, dann vielleicht etwas anderes?

Etwa 2 Jahre nach der Geburt meiner jüngsten Tochter fing ich an, diese Sehnsucht in konkretere Bahnen zu lenken und bin schließlich unter anderem bei meinem (Kinder-)Romanprojekt gelandet. Ich schreibe also: ins Internet, auf mein Blog, für andere, an meinem Kinderroman, an diversen anderen On- und Offline-Texten.

3. Erkläre kurz, was Dir an Deiner Arbeit besonders gefällt.

Ich kann in Welten abtauchen, die ich selbst erfunden habe. Damit meine ich nicht irgendwelche Fantasy-Szenarien oder Märchenuniversen. Aber die Welten, in die ich meine Protagonist*innen setze, sind echte Parallelwelten zu meiner, und ich kann in sie eintauchen und mich in ihnen bewegen. Was mich immer wieder fasziniert ist, dass die Figuren und auch die Orte und Begebenheiten ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten zu entwickeln scheinen, sobald ich die Charaktere einmal losgelassen habe. Es ist fast so, als hätte ich das gar nicht mehr zu entscheiden. Außerdem mag ich, dass ich durch das Schreiben andere Menschen erreichen kann. Das gilt vor allem für meine Texte auf meinem Blog. Die Begegnungen, die dadurch entstehen, virtuell wie analog, sind etwas Besonderes.
4. Wie gestaltest Du jetzt Deinen Alltag mit dem Job und Deiner Familie?

Da ich von zu Hause arbeite und nicht an einen festen Ort wie z.B. ein Shared Office verschwinde, ist das Zusammenspiel zwischen Schreiben und Alltag eigentlich immer eine Herausforderung für mich. Ich versuche, die Vormittage optimal zu nutzen, wenn die Kinder in der Schule und in der Kita sind, aber ich finde es oft sehr schwer, mich wirklich hinzusetzen und eine To-Do-Liste abzuarbeiten oder auf Knopfdruck an meinem Buch zu arbeiten. Ein Problem ist das Alltagsleben, das nicht stillsteht, alle Anforderungen an mich, die nicht weggehen, weil ich hier nicht weggehe, sondern der Ort, an dem ich arbeite auch der Ort ist, wo alles andere stattfindet – ganz oft parallel. Da habe ich dann regelmäßig das Gefühl, dass nur die Reste von der Zeit für mich übrig bleiben und ich wie so ein weiblicher Sisyphos immer denselben Felsen den Berg raufrolle, nur damit er auf der anderen Seite wieder hinab kullert. Dazu kommt, dass ich eine Nachteule bin und erst am Nachmittag so richtig in die kreativen Prozesse reinkomme. Da gehen die Kinder aber nicht in die Schule, da turnen sie hier rum und wollen… mich.

5. Würdest Du Deinen neuen Job anderen Müttern empfehlen? Wenn ja, warum?

Schreiben ist für mich nicht nur Arbeit oder ein Job, es ist eine Art Lebenshaltung. Ich habe immer geschrieben, nur ist es jetzt so, dass ich es auch laut sage: ich schreibe. Ich glaube, die Menschen, die diese Erfahrung teilen (nicht nur mit dem Schreiben, auch mit anderen Dingen, ohne die es nicht geht und die sie mit Leidenschaft tun), tun, was sie tun, egal ob sie Mütter, Väter oder Kinderlose sind. In meinem Fall: wer schreiben muss, soll es tun, wenn es das ist, was ihn erfüllt. Insofern würde ich anderen Müttern jetzt nicht konkret das Schreiben von Texten empfehlen, sondern eher die Haltung, die für mich persönlich dahinter steckt: do what makes you happy. Eigentlich sollten wir das alle, wenn es irgendwie geht: die Dinge tun, die wir gut können, die wir lieben, die uns erfüllen, die nicht wegzudenken sind. Mit Kindern oder ohne. Solche Wege zu gehen ist gut und wichtig, selbstverständlich auch und gerade für Mütter.

BerlinMitteMom

Vielen Dank an Anna für das Interview. In der nächsten Woche findet Ihr hier das Interview mit Bettina M. Kreissl Lonfat  von der Agence Philosophique . Hast Du auch einen Job, den Du hier vorstellen möchtest? Dann schreib mir an [email protected]

Bisher in dieser Reihe erschienen sind Interviews mit Ramona Weyde-Ferch von jademond.de, Stephanie Oppitz von der Windelmanufaktur, und Simone Janke als me&i-Beraterin.

Auch Elke Peetz hat sich des Themas angenommen und zeigt hier 100 Probleme und 100 Lösungen von FrauenAlex Kahl ruft zu einer Blogparade zum Thema familienfreundliche Arbeitgeber auf.

  • amberlight

    Spannend zu lesen – vor allem wenn die Lebenswege ursprünglich so ähnlich waren, denn auch ich hatte die gleiche Fächerkombination (erweitert um Erziehungswissenschaften), habe mich aber dafür entschieden, dass ich den Wissenschaftlerweg nicht verlassen möchte. Kurz vor Ostern gab es dazu meine Blog-Zusammenfassung: „ein ganzes Jahrsiebt Lebens- und über die Hälfte davon Familienzeit,
    Forschungsreisen in fünf Länder, 380 Seiten Textteil, über 1500
    Fußnoten, 57 Seiten wissenschaftlicher Anhang, über 300 Abbildungen,
    unzählige Schreibtischstunden am Abend nach dem beruflichen
    Arbeitsalltag und an Wochenenden, Urlaubsreisen und Autofahrten immer
    mit einem Stapel Papier oder dem Laptop auf den Knien und nie ganz
    abschalten können“ (http://www.amberlight-label.blogspot.de/2014/04/loslassen-overlocknahzeit.html) Der Wermutstropfen waren natürlich unter anderem die Abende während der ersten Elternzeit, die ich in der Bibliothek verbracht habe. Bereut habe ich es aber nicht, denn nur der Doppelverdienst zweier Wissenschaftler erlaubt es uns den Vierseithoftraum mit 14 anderen Familien finanzieren zu können …