Geborgene Schwangerschaft adé? – Warum wir freie Hebammen brauchen

Hebamme

Ihr habt es längst schon überall gelesen: Die freien Hebammen sind in einer Krise. An vielen Stellen sieht man Plakate mit dem Schriftzug „Die erste Frau in meinem Leben war eine Hebamme!“ Und obwohl ich mit gerade diesem Protestplakat nicht einverstanden bin, da die erste Frau im Leben nun einmal die Mutter ist und wir Frauen auch genau in dieser Ansicht bestärken sollten, damit Schwangerschaft und Geburt selbstbestimmte und individuelle Lebensereignisse sind, gehe ich mit dem Protest mit. Familien brauchen Hebammen – und zwar freie Hebammen, die nicht an eine Institution gebunden sind.

Hebammen sind DIE Fachpersonen unter der Geburt – schon laut Gesetz

Denken wir an Hebammen, fällt uns natürlich als aller erstes die Hilfe bei der Geburt ein, die eine Hebamme leistet. Sie – nicht der Arzt – ist die Fachperson unter der Geburt. So regelt es das Hebammengesetz, in dem es heißt:

§ 4

(1) Zur Leistung von Geburtshilfe sind, abgesehen von Notfällen, außer Ärztinnen und Ärzten nur Personen mit einer Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung „Hebamme” oder „Entbindungspfleger” sowie Dienstleistungserbringer im Sinne des § 1 Abs. 2 berechtigt. Die Ärztin und der Arzt sind verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, daß bei einer Entbindung eine Hebamme oder ein Entbindungspfleger zugezogen wird.
(2) Geburtshilfe im Sinne des Absatzes 1 umfaßt Überwachung des Geburtsvorgangs von Beginn der Wehen an, Hilfe bei der Geburt und Überwachung des Wochenbettverlaufs.
Nach diesem Gesetz darf sogar ein Arzt nur im Notfall eine Geburt ohne Hebamme durchführen. Bei Geburten in Krankenhäusern muss zwar ein Arzt zur Geburt anwesend sein, aber begleitet und geleitet wird sie durch die Hebamme. Schon allein das ist ein wichtiger Punkt. Viele Frauen wünschen sich aus Angst eine medizinische Überwachung mit Anwesenheit eines Arztes, aber sie sind es nicht, die die eigentlichen Fachpersonen unter der Geburt sind. Bei Geburtshaus- und Hausgeburten wird dieses Bild klarer, denn dabei sind keine Ärzte anwesend, denn sie müssen es bei komplikationslosen Geburten schlichtweg nicht sein. Schon Anfang des Jahres schrieb der Focus darüber, dass Daten die Sicherheit von Hausgeburten belegen:
Danach gibt es kaum einen Unterschied zwischen Klinik- und Hausentbindung – zumindest dann, wenn es sich um eine sogenannte unkomplizierte Geburt handelt.

Die Begleitung unter der Geburt durch eine der Gebärenden bekannte Person wirkt sich erwiesener Maßen günstig auf den Geburtsverlauf aus. Es sind weniger Eingriffe notwendig, die Geburt verläuft entspannter. Hebammen geben Frauen Sicherheit und dies besonders, wenn sie schon vorher bekannt sind wie bei einer Geburtshaus- oder Hausgeburt oder auch einer Geburt in der Klinik unter Begleitung einer Beleghebamme.

Großes und individuelles Leistungsspektrum in Vor- und Nachsorge

Doch lassen wir die außerklinische Geburtshilfe einmal beiseite und betrachten neben der Hilfe unter der Geburt die sonstigen Leistungen der Hebammen. Denn auch wenn viele Menschen wissen, dass Hebammen Geburtshilfe leisten, ist erstaunlich wenig bekannt, dass sie auch die Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft durchführen. Bis auf Ultraschalluntersuchungen können Hebammen sämtliche Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft durchführen: Vom Urintest über das Ausstellen des Mutterpasses bis hin zum CTG. Denn: Hebammen sind die Fachfrauen in Sachen Schwangerschaft und Geburt und speziell dafür ausgebildet in einer drei Jahre dauernden Ausbildung. Viele besuchen zudem noch Zusatzweiterbildungen in alternativen Heilmethoden und können so Schwangere mit Fußreflexzonenmassage, Bachblütentherapie, Homöopathie oder Traditioneller Chinesischer Medizin unterstützen. Dabei können sich Hebammen in der Vorsorge wesentlich mehr Zeit nehmen als Gynäkologen bei Vosorgeterminen in der Praxis. Meist dauert eine Vorsorgeuntersuchung eine Stunde, bei der die Entwicklung und etwaige Probleme gut besprochen werden können. Das ist die Art der Zuwendung, die Frauen in der Schwangerschaft benötigen und zugleich ein echtes Luxuspaket.So können Ängste abgebaut und der Boden für eine gute Geburt bereitet werden. Denn kaum etwas wirkt störender auf das Geburtsereignis ein als eine tiefe, unverarbeitete Angst. Frauen benötigen also eine solche Zuwendung, um gut auf die Geburt vorbereitet zu werden.

Und auch nach der Geburt sind es die Hebammen, die den manchmal holprigen Weg ins Familienleben ebnen. In der Nachsorge können sie bei Stillproblemen unterstützen, Hilfestellung geben im Dschungel der Anträge, sich um die Wöchnerin und eventuell vorhandene Geburtsverletzungen kümmern, auf das Baby sehen und auch noch seelischen Beistand leisten in der wohl größten Umbruchphase des Lebens, wenn auf einmal ein Kind da ist. Dabei geben sie ebenfalls wie bei der Vorsorge all ihr Berufswissen und ihre unterstützenden Zusatzqualifikationen. Hebammen sind DIE Fachleute, wenn es um die Geburt geht.

Schlechte Bedingungen für die freie Arbeit

Nun aber ist es schlecht um sie bestellt. Die Haftpflichtversicherungsprämie steigt im neuen Jahr um 20%. Beleghebammen und freie Hebammen müssen 5090 Euro im Jahr allein für diese Versicherung zahlen. Das, obwohl eine einzige als Beleghebamme begleitete Geburt nur einen Verdienst von 273,22 Euro einbringt – wovon noch andere Fixkosten abgehen als „nur“ Versicherungskosten. Mehr und mehr Hebammen sind deswegen gezwungen, diese so wichtigen außerklinischen Leistungen aufzugeben. Doch das hat fatale Folgen.

Wenn Hebammenarbeit teuer wird

Wird dieses Modell weiter gedacht, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Freie Hebammenarbeit wird ein teurer Luxus für Menschen, die sich eine solche Begleitung leisten können. Wenn die Prämien in dieser Art ansteigen und Hebammen nicht ihre Tätigkeit aufgeben, müssen sie ihre Mehrausgaben durch höhere Einnahmen decken. Das würde bedeuten, dass all die Dinge, die Frauen bisher „einfach so“ in der Vor- und Nachsorge in Anspruch nahmen, nun in Rechnung gestellt werden. Die Fußreflexzonenmassage oder die Akupunktur gegen die Rückenschmerzen wird teure Privatleistung, die man sich eben leisten kann oder nicht. Ansonsten ist nur drin, was der Leistungskatalog eben her gibt: Dienst nach Vorschrift, bei dem auch auf die Uhr gesehen werden muss. Eine Hebamme kann man sich vielleicht auch gar nicht zur Geburt leisten. Die guten Eigenschaften wie komplikationslosere Geburten durch individuelle und bekannte Begleitung, sind nur für Besserverdienende möglich. Alle anderen müssen eben sehen, wie sie durch die Geburt kommen und sich mit dem arrangieren, was es noch gibt: Hebammen im Schichtdienst im Kreißsaal, die man nicht kennt, die vielleicht auch noch zwei andere Geburten parallel begleiten. Das ist nämlich die andere Möglichkeit: Hebammen geben die freie Arbeit ganz auf und sind fortan nur noch an Kliniken gebunden, an Hierarchien und Abläufe, an Konzerne, die Kosten-Nutzen-Planungen machen und festlegen, wie die Arbeit auf den Geburts- und Wöchnerinnenstationen zu laufen hat. Ja, es gibt auch gute Kliniken und natürlich arbeiten dort gute Hebammen, aber letztlich sind Kliniken in erster Linie Unternehmen und Mitarbeiter Rahmenbedingungen unterworfen.

Was kann man noch tun?

Zahlreiche Initiativen gab es schon. Nun geht es um eine Petition dafür, dass Hebammen mehr verdienen sollen, um die steigenden Kosten auffangen zu können. Am 25. November gibt es einen Aktionstag gegen Gewalt in der Geburtshilfe, was auch eindeutig in die richtige Richtung zeigt – beteiligt Euch daran und legt Eure Rose nieder, wenn Ihr Gewalt erfahren habt! Schreit es hinaus über Facebook, Twitter, Google+ und Co.: Wir brauchen gute und freie Hebammen!

Und setzt selbst ein Zeichen. Ja, über neue Medien lässt sich immer viel und schnell etwas sagen, aber auch im echten Leben draußen muss man Flagge bekennen. Vor kurzem gab es die Aktion, man solle eine Fahne mit Herz hinaus hängen, wenn man eine Hausgeburt hatte. Warum nur bei Hausgeburten? Zeigt, dass Eure Herzen für Hebammen schlagen und hängt Eure Herzensfahne aus dem Fenster. Die Welt muss sehen, dass wir Hebammen brauchen und wollen und wir keine Ruhe geben.

 

 

 

 

 

  • Daniela Sommer

    Ich hatte bei 8 Geburten 7 Hausgeburten. Und auch die Klinikgeburt war nur mit Hebamme und ambulant. Meine Vorsorgen haben zum größten Teil nur meine Hebammen gemacht, liebevoll, kompetent und mit Zeit. Niemals hätte ich tauschen vollen, ein Dankeschön an alle meine Hebammen und besonders an Dich Karina (R.I.P.).

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  • „Viele besuchen zudem noch Zusatzweiterbildungen in alternativen Heilmethoden und können so Schwangere mit Fußreflexzonenmassage, Bachblütentherapie, Homöopathie oder Traditioneller Chinesischer Medizin unterstützen.“

    Genau aus diesem Grund würde ich eher auf eine Hebamme verzichten.

    Geburtshilfe: Ja, gerne.

    Einführung in Hokuspokus und Esoterik: Nein, danke.

    • Susanne

      Alternative Heilmethoden sind nicht mit Esotherik gleichzusetzen. Selbst wenn man an die Wirksamkeit von alternativen Methoden in Zweifel zieht: Sie sind nur ein Zusatz, eine Unterstützung der gelernten Hebammenarbeit. Oft geht es ja darum, Ursachen zu finden und ins Gespräch zu kommen, Ängste zu nehmen. Warum sollte dann ein Medium wie ein Massage nicht in Ordnung sein, wenn sie zum Ziel einer leichteren und natürlichen Geburt führt?

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