Warum es Babys, die nicht krabbeln wollen, nicht gibt – die normale Bewegungsentwicklung des Kindes – Teil 1

Besonders in der heutigen Elterngeneration ist er vertreten, der Spruch: „Als Kind wollte ich nicht robben oder krabbeln, sondern habe gleich mit dem Laufen angefangen, sagt meine Mutter.“ Und weil diese Aussage so weit verbreitet ist, nehmen viele Eltern auch heute dies als Tatsache hin und gehen selbst davon aus: „Also er mag es so gerne, wenn ich ihn hin stelle und er sich an meinen Händen fest halten kann. Er wird das Krabbeln wohl ausfallen lassen und gleich laufen.“ Aber was ist dran an diesem Mythos über das Kind, das nicht krabbeln will? Warum sollte die Natur etwas wie krabbeln eingerichtet haben, wenn es nicht notwendig ist? Oder steckt doch etwas anderes dahinter?



Natürliche Bewegungsentwicklung

Wie auch in allen anderen Bereichen der kindlichen Entwicklung, bauen auch in der Bewegungsentwicklung Schritte aufeinander auf. So wie kein Baby zur Welt kommt und gleich das erste Wort sagen kann, kommt auch kein Baby zur Welt und kann sofort sitzen oder laufen. Es ist ein langwieriger Prozess, in dem das Baby lernt, verschiedene notwendige Kompetenzen zu erwerben, die es schließlich dazu befähigen, sicher zu sitzen oder zu laufen. Stück für Stück schreitet die Entwicklung voran auf dem Weg zum freien Sitzen, Stehen und Laufen.Dabei sind die unterschiedlichen Entwicklungen durchaus von der Natur vorgegeben.

Anfangs liegt das Neugeborene in der Rückenlage. Schon dies ist eine sehr große Anstrengung für das Baby, denn bislang kannte es nur die runde und vom Fruchtwasser getragene Haltung aus dem Bauch. Nun wird es mit der Schwerkraft vertraut und muss lernen, seinen Körper in eine angenehme Position bringen zu können bzw. ist auf die Unterstützung der Eltern angewiesen*. Für viele spätere Bewegungen und Abläufe ist die Rückenlage eine wichtige Voraussetzung: Nach und nach wird die Muskulatur durch die Rückenlage trainiert. Es lernt zunehmend, in der Rückenlage das Gleichgewicht und den Kopf in der Mitte zu halten. Irgendwann um den 3. Monat werden die Hände vor das Gesicht gebracht und die Beine werden angezogen. Später erkunden dann die Hände ab etwa dem 6. Monat auch die Beine und die Muskulatur, die für das Sitzen benötigt wird, wird gekräftigt. Noch etwas später hebt das Baby in der Rückenlage auch den Po von der Unterlage ab, wenn es mit den Füßen spielt und sie später auch zum Mund führt. So wird die Bauchmuskulatur gekräftigt, die Lendenwirbelsäule wird gedehnt. Das Baby dreht sich mit etwa einem halben Jahr über die Seite auf den Bauch, meist etwas später auch anders herum vom Bauch auf den Rücken. In der Bauchlage richtet sich das Baby immer weiter auf, beginnt sich rückwärts zu schieben, stützt sich auf die Knie und beginnt um den eigenen Körper zu kreisen. Zunächst beginnt es mit dem Robben, um dann um den 9./10. Monat mit dem Wippen im Vierfüßlerstand zu beginnen und schließlich zu krabbeln.

Um das Krabbeln zu erlernen, sind also verschiedene Abläufe und die Ausbildung der entsprechenden Muskulatur notwendig.

Störungen der natürlichen Bewegungsentwicklung

Die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler hat in ihren umfangreichen Studien zur kindlichen Bewegungsentwicklung nachweisen können, dass alle Kinder krabbeln – sofern sie nicht vorzeitig von Erwachsenen hingesetzt wurden. Der Beginn des Krabbelns ist ein Zeichen dafür, dass einige der frühkindlichen Reflexe abgebaut sind. Beim Krabbeln verlaufen die komplexen Bewegungen von Armen, Händen, Beinen und Füßen über Kreuz, was auch für die Gehirnentwicklung ein wichtiger Faktor ist.

Zu frühes Hinsetzen

Werden Kinder nun zu früh hingesetzt, d.h. bevor sie selbst sich in eine sitzende Position bewegen können, führt das oftmals dazu, dass die normale Bewegungsentwicklung unterbrochen wird. Einige normale Bewegungsabläufe können hierdurch ausfallen. Zudem wird die notwendige Muskulatur nicht richtig vorbereitet: Die Rückenstreckmuskulatur, die Bauchmuskeln und auch die seitliche Rumpfpartie ist noch nicht auf das Sitzen vorbereitet. So wird die Wirbelsäule überfordert, die die Last des Körpers nicht halten kann. Die Schulterblätter kommen ebenfalls nicht in die richtige Position. In der Folge kommt es zu Fehlhaltungen, die sich langfristig auswirken.

Da sich das Kind nicht selbst aufgerichtet hat, erfährt es auch nicht die wichtige Information über die Höhe. Gerade Emmi Pikler betonte auch, wie wichtig es ist, dass das Kind die Erfahrungen über die Höhe selbst machen kann und nicht passiv hoch gehoben wird – weder auf Gegenstände wie einem Wickeltisch, wenn es selbst dazu in der Lage ist, dort hinauf zu kommen, noch eben in eine bestimmte Körperhaltung. Wird das Kind passiv in diese Position gebracht, kennt es auch den Weg zurück nicht und hat kein Bild davon, wie weit es tatsächlich oben ist.

Auch auf das Spiel wirkt sich das zu frühe Hinsetzen aus: Zwar sind die Kinder zunächst erfreut, dass sie beide Hände zum Spiel frei haben, doch fehlt ihnen die Möglichkeit zur Fortbewegung. Sie sind in der Sitzhaltung gefangen und können wegrollenden Spielsachen nicht folgen. Das wirkt sich auch auf die Eltern aus: Das Kind wird quengelig und abhängig vom Erwachsenen und fordert von ihm, Spielsachen gebracht zu bekommen. Das eigenständige Entdecken ist somit behindert.

Hierdurch ergibt sich auch ein negativer Einfluss auf die Selbstwirksamkeit des Kindes: Für die Entwicklung des Babys ist es von großer Bedeutung, dass es selbst Erfahrungen macht und selbst Dinge erreicht. Es strengt sich an, müht sich und erreicht schließlich das gewünschte Objekt. Seine Augen leuchten, es freut sich und sieht sich vielleicht nach den Eltern um (wenn es schon größer ist), um zu zeigen: Ich habe es geschafft. Anerkennend kann dann der Elternteil lächeln und es bestärken: „Ja, Du hast es allein geschafft. Ich habe es gesehen!“ Ein wunderbarer Moment für ein Kind. Neugierde ist der Antrieb der Entwicklung. Wird das Baby nun zu früh passiv hingesetzt, kann es diesen Meilenstein nicht allein erreichen; es wird sich nicht über sein eigenes Tun erfreuen können.

Warum Frühsitzer nicht Krabbeln

Wurde das Baby zu früh hingesetzt, fehlen ihm daher verschiedene Eigenschaften für das Krabbeln: Die Muskulatur ist nicht richtig ausgebildet, es hat keinen Bezug zur Höhe, in der es sich befindet. Vom Sitz kommt es nun oftmals nicht ins Krabbeln, sondern verweilt im Sitz. Manche Kinder nehmen von hier aus die Bewegung auf und beginnen damit, sich mit dem Po und den Beinen fortzubewegen. Hierzu wird beispielsweise ein angewinkeltes Bein ausgestreckt und wieder angezogen, wodurch das Kind vorwärts „robbt“ auf dem Po. Es entwickelt sich zum „Porutscher“. Von hier aus ist es für das Kind auch schwer, zum Stehen und Laufen zu gelangen.

Tragen im Tuch und Sitzen auf dem Schoß – ist das auch „verboten“?

Das Tragen im Tragetuch ist mit dem freien Sitzen nicht zu vergleichen. Zwar nimmt das Kind optisch für Außenstehende eine ähnliche Position im Tuch ein wie es dies auch beim Tragen macht, doch wird das Kind durch das Tuch gehalten und gestützt. Die Wirbelsäule wird durch die runde Haltung des Babys und durch den Halt durch das Tuch nicht wie beim freien Sitzen belastet. In Kulturen, in denen Babys ausschließlich getragen werden, können die Kinder übrigens früher frei sitzen als hier, wo Kinder vorwiegend im Kinderwagen liegend befördert werden, da ihre Muskulatur schon früher ausgeprägt ist. Auch gegen das „Sitzen“ des Babys auf dem Schoß eines Erwachsenen beim Essen spricht nichts, denn auch hier wird das Kind gestützt und gehalten und zeigt Unwohlsein an, wodurch die Bezugsperson das Kind in eine andere Position bringen kann. Das baby sollte dabei dann auf jeden Fall angelehnt an einen Erwachsenen sitzen. Das Sitzen auf dem Schoß am Tisch ist also durchaus in Ordnung. Kinder sollten jedoch nicht die meiste Zeit der Freispielzeit auf dem Schoß eines Erwachsenen sitzen, weil sie dadurch in ihrem Forscherdrang eingeschränkt werden und nicht in Ruhe erkunden können – folglich kann es wieder zu einer Behinderung der natürlichen Entwicklung kommen. In einem Stuhl am Tisch sollten Kinder jedoch erst dann sitzen, wenn sie sich selbst in eine aufrechte Position bringen, d.h. wenn sie sich selbst aus der Wippbewegung in den freien Sitz am Boden bringen können. Daran ändern auch Sitzpolster und -verkleinerer für Hochstühle nichts.

Dem Kind Zeit lassen

Kinder entwickeln sich nach ihrem eigenen Tempo. Manche sind schneller, manche langsamer. Für die Bewegungsentwicklung gibt es jedoch einen ziemlich genauen Plan, der störanfällig ist, wenn man allzu schnell eingreift. Kinder brauchen ihre Zeit und Eltern tun weder sich, noch den Kindern einen Gefallen, wenn sie in die sensiblen Entwicklungsmuster zu sehr eingreifen. Statt dessen können sie sich einfach zurück lehnen. Kinder WOLLEN krabbeln. Sie WOLLEN die Welt selbst entdecken nach ihrem Tempo.

Das Kind anregen zu müssen, das glauben wir nur, weil wir zu wenig Ahnung davon haben, was jeder Mensch an Entfaltungsmöglichkeiten mit auf die Welt bringt.

– Jacoby, 1981

 

 

Weiterführende Literatur:

 

*Wie ein Baby optimal unterstützt werden kann, können Eltern durch das Konzept „Kinaesthetics Infant Handling“ erlernen.

  • Dsungare

    Ich finde den Beitrag sehr interessant. Was mich allerdings beschäftigt ist das Essen. Mein Sohn setzt sich erst jetzt mit 10 Monaten hin, robbt seit er 5,5 Monate alt ist und zieht sich hoch seit er 8 Monate alt ist. Irgendwann um den 6 Monat haben wir ihn zum Essen in den Hochstuhl gesetzt. Ich hatte gelesen, dass es für die Mahlzeiten in Ordnung sei.

    • Susanne

      Kann das Baby noch nicht von sich aus sitzen, ist das Sitzen auf dem Schoß eines Erwachsenen beim Essen praktischer, weil es besser gestützt ist und die Position leichter verändert werden kann. Werden die Babys im Stuhl gefüttert, dann darauf achten, dass sie nicht zu lange darin sitzen und nach Beenden des Essens gleich hinaus nehmen.

      • Dsungare

        Danke, genauso hatten wir das auch gehandhabt. LG

      • Zwergi

        Und wie sieht es mit Hochstühlen aus, in denen das Kind liegt? Wir haben uns extra so einen gekauft, damit unser Kind von Anfang an mit am Tisch „sitzen“ kann…

        • Juliane Gelfert Geb Broschardt

          Kinder sollten nicht im liegen Essen wegen der Gefahr sich zu verschlucken. Essen immer in aufrechter Position. Ein Beikostreifes Kind kann gestützt aufrecht sitzen. Auf dem Schoß. Wenn es das nicht kann, ist es vll noch zu früh für
          Essen.
          LG Jule

  • Sehr spannender Artikel. Ich glaube auch, dass heute viele Eltern ihre Kinder zu früh hinsetzen. Es ist natürlich verführerisch und sieht süss aus, wenn die Kleinen dann so da sitzen. Ab und zu haben wir das auch gemacht, aber unser Kleine dabei gestützt und auch nur für wenige Sekunden. (Hingestellt haben wir sie hingegen nie.)

    Unser Mädchen ist bewegungsmässig zuerst so gerollt, hat sich dann mit 7 Monaten von alleine hingesetzt und 10 Tage danach angefangen zu Krabbeln. Mit 8 1/2 Monaten hat sie begonnen sich hoch zu ziehen und das tut sie mittlerweile nahezu überall. Morgen wird sie 9 Monate alt und ist mit ihrem Krabbeln und selber Aufstehen schon sehr mobil.

    Aber die Entwicklung ist ja wirklich so verschieden. So hat die Kleine Beispielsweise immer noch keinen Zahn 😉

  • Sarah

    Unsere ist nie gekrabbelt aber sie wurde auch nie hin gesetzt^^ sie hat sich immer nach vorn geschmissen unsd iwann gesetzt und ist dann das erste mal mit 10monaten aufgestanden. ..

  • meine tochter ist 1 jahre alt nicht laufen 🙁

    • Susanne

      Lass ihr Zeit. Das kommt noch 🙂 Manche Kinder beginnen erst mit 1,5 Jahren mit dem Laufen.

  • lucadomsrlill

    Meine Kurze ist jetzt 8 Monate. Sie hat sich mit 3 Monaten schon versucht allein hin zu setzen, mit 5 hat es geklappt. Se mag bis heute keine Bauchlage, liegt lieber auf der Seite. Seit ein knapp zwei Wochen nun, beobachte ich immer wieder, wie sie sich in ihrem Hochstuhl abstemmt um zu stehen.
    Da unsere Kinderärztin das selbe sagt, wie ich vermute, (da es bei uns in der Familie zu 90% jedes Kind gemacht hat) wird meine Kurze wohl das Krabbeln und Laufen gleichzeitig lernen.
    Der Bericht ist zwar interessant, aber wie man so oft sagt: jedes Kind ist anders und jedes Kind entwickelt sich Individuel. Der eine schneller, der andere langsamer.
    Ich gebe nichts auf solche Studien, ich lasse mein Kind selbst Entscheiden und bis jetzt, war es immer richtig. Sie ist ein perfekt entwickeltes, aufgewecktes kleine Kind, was jetzt schon seinen Dickkopf hat.

    • susanne

      Liebe Lucadomsrlill,
      das ist doch ein schönes Beispiel dafür, dass sich Kinder nach ihrem eigenen Tempo entwickeln. Und wie Du auch schreibst: Sie lernt krabbeln und laufen gleichzeitig. Aber sie lässt dann das Krabbeln wohl nicht aus, weil sie die Möglichkeit hat, es zu erlernen.

  • Ich finde es schade, dass hier nicht die „Maxi-Cosis“ erwähnt werden. Ich sehe sehr stark den „Trend“ dass sehr viele Kinder viel zu viel Zeit in den Autoschalen verbringen wo sie ja auch in dieser Sitzhaltung sind. Ich finde es sollte viel deutlicher darauf hingewiesen werden, dass diese Sitze wirklich nur für´s Auto sind. Viele haben das Kind dort fast schon die meiste Zeit drin; Man kann sie ja auch auf das Kinderwagen-Gestell montieren und als Kinderwagen-Ersatz benutzen, zum Einkaufen, als Schlaf-Wiege und beim Füttern usw. usw. „Es ist ja auch praktisch“ Ich bin zwar kein Orthopäde, leite aber Krabbelgruppen und ich erkenne inzwischen gut an der Körperspannung des Babys ob es zu lange in der Schale drin sitzt; es streckt seinen Rücken nach hinten durch und streckt seine Beinchen steif aus als ob es dieses ewige „gekrümmt sein“ ausgleichen will…
    Es ist sehr schwierig das den Babys wieder abzugewöhnen, weil sie die Sitzhaltung toll finden weil sie dann alles sehen, und beim hinlegen total hilflos und sehr unzufrieden werden und weinen. Es wird zum Teufelskreis. 🙁
    Anderer seits finde ich die Ansicht viel zu streng. Natürlich ist es perfect, wenn ein Kind diese Schritte macht. Aber es gibt ja auch Eltern die alles „richtig machen“ und das Baby macht trotzdem keine Anstalten. Man sollte wirklich nicht vergessen, dass nicht alle Kinder gleich sind und es enorme Unterschiede in der Entwicklung gibt und geben darf.

    • Linde Bluete

      ich nehme auch die Adapter für den Kiwa, wenn wir mit dem Auto unterwegs sind und fix einkaufen wollen. Und wir sind da ja keine 10 h weg. Und was soll man machen bei 3-5h Autofahrt oder noch länger? Gut ich würde ihn jetzt nicht füttern im Maxi Cosi oder über Nacht drin schlafen lassen. Er duldet das teil auch nur, nach gewisser zeit windet er sich und will da raus, er liegt lieber im Kiwa oder wird getragen.

      • Dagegen spricht ja auch nichts, aber es gibt halt Eltern, die das Kind auch dann in der Babyschale lassen, wenn es gar nicht nötig wäre: Statt Babywippe, zum Einkaufen, zum Rumtragen, anstelle eines Kinderwagens,…
        Wenn ich mich richtig erinnere steht ja sogar in der Gebrauchsanleitung zu MaxiCosi & Co. man solle das Baby nicht länger als eine halbe oder ganze Stunde am Stück drin lassen.
        (P.S. Bei einer 3-stündigen Fahrt sollte der Fahrer sowieso eine Pause einlegen, bei einer 5-stündigen Fahrt mindestens 2 Pausen – da kann man das Kind bei der Gelegenheit auch gleich eine „Babyschalenpause“ gönnen).

    • Anika Hübner

      Mein Sohn ist 10 wochen alt. Er streckt sein Rücken auch durch und macht seine Beine auch grade steif, obwohl er kaum im Maxi-Cosi. Wenn er drin sitzt nur beim Auto fahren und das ist selten. Also kann man nicht sagen nur weil das Kind den Rücken durchstreckt das es nur im Maxi-Cosi sitz. Das finde ich doch ziemlich oberflächlich.
      Mein Sohn bekommt nun Physiotherapie und dann wird man weiter sehen.

  • Doreen

    „Warum sollte die Natur etwas wie krabbeln eingerichtet haben, wenn es nicht notwendig ist?“ Der Satz macht keinen Sinn, weil die Natur kein bewusst agierendes Wesen mit einem bestimmten Ziel ist, sondern ein bewusstloses System, das nach „Trial and Error“-Methode Dinge ohne konkretes Ziel weiterentwickelt. Dabei macht die Natur sehr viele Dinge, die nicht notwendig sind. Wale und Schlangen haben noch Beinansätze, die nicht notwendig sind, nur so als Beispiel.

    Diese Argumentation erinnert ein bisschen an Leute, die meinen die Natur hat vorgesehen, dass Mann und Frau sich miteinander fortpflanzen, also muss Homosexualität unnatürlich und falsch sein, weil anscheinend nicht notwendig. Damit will ich dir natürlich nicht vorwerfen, diese Ansicht zu haben, ich will nur darlegen, dass es durchaus in vielen Bereichen Normvarianten gibt. Meine Gebärmutter ist zum Beispiel nach hinten geneigt anstatt wie bei den Meisten nach vorne, noch so eine unnötige Normvariante. Und so gibt es auch Normvarianten im Bereich der frühkindlichen Entwicklung, ich finde es falsch, dass du daraus direkt ein Versagen der Eltern konstruierst.

    Auch der Argumentation, dass frühes Hinsetzen falsch ist, weil das Kind dann zwar freier Spielen, aber wegrollendem Spielzeug nicht hinterherkommen kann, leuchtet mir nicht ein. Damit gehst du scheinbar davon aus, dass ein Kind, dass sich alleine hinsetzen kann, immer zeitgleich oder sogar früher krabbeln lernen wird? Bei meiner Tochter vergingen 2 Monate zwischen dem selbstständigen Hinsetzen und dem Krabbeln lernen. Die beschriebene Situation, dass sie darauf angewiesen war, dass ich ihr Dinge wiederbringe, hatten wir also obwohl ich sie nicht hingesetzt habe, sondern wartete bis sie das alleine konnte.

    Und auch bei einem Kind, das das Krabbeln ganz überspringt, kommt irgendwann der Moment, an dem es voller Stolz zum ersten Mal von alleine etwas erreichen kann.

    Ich bin durchaus auch der Meinung, dass man kleine Kinder in diesen Dingen nicht zu sehr antreiben oder ihrer persönlichen Entwicklung vorausgreifen sollte, weil da einfach jedes Kind sein eigenes Tempo hat, in dem es den körperlichen und geistigen Entwicklungsstand erreicht, in dem es diese Dinge lernen kann. Und ja, Kinder haben von sich aus den Drang, Dinge zu lernen und ihre Umwelt zu entdecken. Aber ich finde trotzdem, dass einige dieser Argumentationsstränge hier aus oben genannten Gründen wenig Sinn machen, aus Normvarianten schlimme „Entwicklungsstörungen“ kreieren und auch sehr stark darauf abzielen Eltern (insbesondere wohl Müttern) mal wieder Schuldgefühle einzureden.

    • susanne

      Liebe Doreen,

      wie schön, dass Du Dich so intensiv mit dem Artikel auseinander gesetzt hast. Zunächst möchte ich mich von dem „Vorwurf“ der Homophobie ganz klar distanzieren und das ist auch ziemlich unpassend hier. Ja, die Natur geht nach „Trial and Error“ vor. Deswegen hat sich wohl auch das Krabbeln entwickeln, denn es ist eine sinnvolle Methode zur Fortbewegung für das Baby, bei der die Muskulatur für das spätere Laufen vorbereitet wird. Nur weil Wale und Schlangen noch Beinansätze haben, bedeutet das ja im Umkehrschluss nicht, dass alle in der Natur vorhandenen Dinge eventuell überflüssig sind. Die Katze beißt sich hier also in den Schwanz: Es gibt überflüssige Rudimente, aber nur weil es sie gibt, bedeutet das nicht, dass alles an uns ein Rudiment ist.

      Im text geht es um Kinder, die hingesetzte werden bevor sie die Fortbewegung erlernt haben. Wenn Kinder von sich aus ins Sitzen kommen, haben sie zumeist das Robben oder auch schon das Krabbeln erlernt. Manchmal kommt das Krabbeln auch erst nach dem Sitzen, da hast Du vollkommen Recht und es ist ebenfalls eine ganz normale Entwicklung. Werden Kinder jedoch vor der Zeit hingesetzt, können sie oft nicht einmal robben und sich auch nicht wieder gut in eine liegende Position bringen. Das bringt viele Probleme mit sich, die oben beschrieben werden.

      Und ja, natürlich können Kinder, die hingesetzte werden, irgendwann auch etwas selbst erreichen und machen. Das wäre ja auch schlimm, wenn es das nicht gäbe. Aber sie werden eben auch in diesem wichtigen Entwicklungsschritt eingeschränkt und können diesen eben nicht selbst erreichen.

      Es geht hier in keinem Fall darum, Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen. Es geht darum, vorzubeugen dass Kinder hingesetzt werden, bevor sie es können. Gerade dann lässt man sie nämlich nach ihrem eigenen Tempo die Entwicklung durchlaufen und das brauchen Kinder. Ja, jedes Kind ist anders, jedes braucht unterschiedlich viel Zeit und ja, manche durchlaufen die Entwicklung auch in anderen Phasen und drehen sich erst vom Bauch auf den Rücken statt andersrum. Aber sie brauchen die Möglichkeit, dies tun zu dürfen, ohne dass sie hingesetzt werden, in Babyschalen stundenlang durch die Gegend geschoben werden oder den halben Tag in einer Babywippe liegen.

      In diesem Artikel wird nicht das Wort „Entwicklungsstörung“ verwendet. Es wird von „Störungen der Entwicklung“ gesprochen, wenn es darum geht, dass die ENtwicklung unterbrochen oder von außen gestört wird.

      • Leo

        – Doreen hat nie einen Vorwurf der Homophobie gemacht!
        – Durch den Artikel wird Eltern (Müttern) ein schlechtes Gewissen gemacht, weil behauptet wird: „Das ist richtig, das ist falsch!“. Jedoch ohne dies wissenschaftlich zu belegen.
        – Du schreibst zwar, jedes Kind ist individuell, scherst aber trotzdem alle über einen Kamm! Die einen Kinder SIND aber Entdecker, die anderen SIND ehrgeiziger, wieder andere SIND ängstlicher. Das sind nunmal Charakterzüge, die jedes Kind angeboren in sich trägt, was alle Eltern bestätigen können. Meine Tochter ist „gemütlich“. Wenn ein Spielzeug ausser Reichweite ist, dann versucht sie nicht, es zu erreichen, sondern nimmt sich eines, was greifbar ist. Natürlich krabbelt sie dann auch später, aber es entspricht ihrem Charakter und ihrem individuellem Tempo. Vielleicht wird sie auch gar nicht krabbeln, dann aber, weil sie es für richtig hält und das ist in Ordnung. Und nicht weil sie als Kind gesessen hat.
        – Ich stimme Doreen voll zu und halte den Artikel für überflüssig, wenn nicht gar falsch, da Thesen und Normen propagiert werden, die es schlicht nicht gibt! Denn, eine Frage zum Abschluss: Hat es die Natur wirklich vorgesehen, dass wir Menschen aufrecht laufen? Wenn ja, wieso sind unsere Wirbelsäule und Füsse nicht wirklich dafür gemacht? Danke für die Antwort!

        • Susanne

          Hallo Leo,
          wie es scheint, bringst Du hier verschiedene Dinge durcheinander. Ja, Kinder haben unterschiedliche Temperamente. Das ist ganz richtig. Und einige sind schneller, andere sind langsamer. In diesem Artikel geht es darum, dass es problematisch sein kann, wenn Kinder zu früh hingesetzt werden, weil sie dann das Krabbeln nicht erlernen. Wir sprechen hier von Kindern, die „dauergeparkt“ werden. Und dass dies vorkommt, ist nun einmal belegbar und entspricht auch dem, was man in der Praxis sieht. Kinder wollen krabbeln, wenn sie nicht daran gehindert werden. Manche früher andere später. Darum geht es,.
          Zudem ist dieses Blog ein Blog für bindungsorientierte Elternschaft und natürliche Entwicklung. Wenn die Artikel überflüssig sind für Dich, lies sie einfach nicht.
          Bitte erkläre doch, warum unsere Wirbelsäule und die Füße nicht für den aufrechten Gang gemacht wurden. Diese Theorie würde mich interessieren.

          • Leo

            – Im Artikel ist immer nur die Rede von „zu früh hinsetzen“, die Definition de „dauergeparkten Kinder“ hast Du nur im Kommentar gegeben, im Artikel ist sie noch eine andere. Dass ein Dauerparken für die Entwicklung der Kinder nicht förderlich ist, das ist klar – darum geht es in dem Artikel aber nicht! Der Artikel führt ganz klar an, dass ALLE Kinder krabbeln müssen und diese Meinung teile ich nicht.

            – Um zu wissen, was ich von einem Artikel halten soll, muss ich ihn nun einmal lesen (ohne geht es halt nicht). Wenn es eine Kommentarfunktion gibt, dann gehe ich davon aus, dass ich meine Meinung auch mitteilen darf. Und so, wie der Artikel formuliert ist, halte ich ihn für schlecht, weil er viele Eltern verunsichert!

            – Jeder Mensch (ausser einigen fundamentalen Christen vielleicht) sollte Wissen, dass der Mensch vom Affen abstammt und vor langer Zeit demenstsprechend auf allen vieren lief. Dann richteten wir uns auf und unsere Physiologie passte sich den Lebensumständen an. Die Evolution kann aber nicht mehr mit der Geschwindigkeit des Wandels mithalten. Warum leiden so viele Menschen an Rückenschmerzen? Viel sitzen, viel stehen, wenig Bewegung. Dafür ist unser Körper nicht geschaffen!

            Ein Artikel dazu bspw.: http://www.n-tv.de/wissen/Mensch-lebt-nicht-mehr-artgerecht-article2956596.html

          • Elke

            Danke Leo für den Link zum n-tv Text in dem die Aussagen von Susanne noch einmal bestätigt werden!

  • Ich denke auch, dass viele Eltern ihre Kinder sich nicht einfach entwickeln lassen, sondern lieber ziehen und stossen, und damit in die „natürliche“ Entwicklung eingreifen, was wiederum Konsequenzen hat. Logisch.
    Trotzdem halte ich die Schlussfolgerung „zu früh hinsetzen -> nicht krabbeln“ bzw. „das Kind krabbelt nicht, also wurde es zu früh hingesetzt“ nicht für zwingend. Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo, ja, aber nicht jedes hält sich dabei gezwungenermassen an die normale Reihenfolge und Geschwindigkeit (die meisten haben das Programm nicht gelesen 😉 )
    Wir sind uns aber einig in dem Punkt, dass Eingriffe in den „natürlichen“ Ablauf der Entwicklung (sofern keine medizinischen Gründe vorliegen, versteht sich!) nicht gut sind. Lauflernhilfen, Türhopser,… führen zu „falschen“ Bewegungsabläufen (halt an diese Sachen angepasst statt ans freie Laufen) und verzögern somit das „richtige“ Laufenlernen. Aber 20 Jahre später ist auch das egal 🙂

    • susanne

      Liebe Kat Harsis, ich gebe Dir völlig Recht: Jedes Kind hat sein eigenes Tempo und ja, manche Kinder machen einige Schritte auch anders als andere. manche drehen sich auch erst vom Bauch auf den Rücken statt umgekehrt. Wichtig ist jedoch, dass sie die Möglichkeit haben, sich eben frei zu entwickeln und nicht gehemmt werden. Frühes Hinsetzen (und damit ist gemeint, dass das Kind einfach in die Gegend gesetzt wird), kann sich auf die weitere Entwicklung hindernd auswirken. Das bedeutet nicht, dass alle Kinder, die nicht krabbeln, zu früh hingesetzt wurden. Steht ja so auch nicht im Text. Es gibt natürlich noch viele andere Faktoren, die sich hemmend auswirken können, die Du ja auch genannt hast.

      • Seren

        Umgekehrt krabbeln ja auch viele Kinder noch, obwohl sie ab und zu hingesetzt wurden.

        Ich hab zwei Kinder, die sich beide motorisch recht spät entwickelt haben als Baby. Das war für sie mit Frust verbunden. Wenn ich mein Baby (9 Monate und kann sich noch nicht selbst hinsetzen aber super frei sitzen) nun hinlege, weil ich bspw. aufs Klo muss, und sie dann weint, aber wenn ich sie hinsetze, sie dann zufrieden ist – soll ich sie dann wirklich lieber weinen lassen, solange ich auf dem Klo bin? Aufschlussreiche Erkenntnisse hin oder her – es muss doch auch alles noch praktikabel sein im Alltag?

  • mammal
  • Inzwischen tanzt mein nichtkrabbelndes Kind wie verrückt durch die Landschaft. Na, vielleicht kommen die Haltungsschäden ja alle noch.
    Was mich im Krabbelgruppenliteraturuniversum sehr irritiert, ist die Vielzahl von mit großer Bestimmtheit vorgetragenen Aussagen, und wie dünn die Datenlage ist. Sobald ein Argument irgendwie plausibel klingt, wird nicht weitergefragt. Glaubt ihr im Ernst, dass mal jemand 20 hingesetzte Babies und 20 unhingesetzte systematisch über ein paar Jahre verglichen hat? So eine Studie gibt es meines Wissens nach überhaupt nicht, selbst Emmi Piklers Bücher beruhen auf Erfahrungswissen, das ohne Kontrollgruppe und systematische Auswertung gesammelt wurde. (Sie arbeitete übrigens in Heimen, und ihre Ansätze reflektieren auch die Notwendigkeit, in relativ kurzer Zeit möglichst effektiv viele Kinder versorgen zu müssen.)

    Es ist ganz klar, dass wir gebildeten spätgebärenden Eltern unbedingt alles richtig machen wollen. „Optimal unterstützt“ soll das Baby werden. Aber guck aus dem Fenster: die Leute da draußen haben alle Laufen gelernt. Ihre Haltungsschäden haben sie sich am Computer geholt, nicht beim falschen Krabbeln. Eltern, bitte entspannt euch doch mal.

    • lilysu

      Die These, Haltungsschäden würden vom Computer her rühren, ist also gut belegbar? Tatsache ist, dass bereits viele Kinder Probleme mit der Koordination haben und durchaus im Kindesalter diverse Haltungsschäden zu finden sind. Diese Angaben finden sich nicht nur in so genannter „Krabbelgruppenliteratur“. Es geht beim passiven Hinsetzen des Kindes – wie oben ausgeführt wurde – auch nicht „nur“ um Haltungsschäden, sondern um eine bestimmte Haltung dem Kind gegenüber und der natürlichen Entwicklung, die mit diesem Eingriff unterbunden wird, was diverse weitere Folgen haben kann.

      Hier geht es gerade nicht darum, dass ein Kind „optimal unterstützt“ werden soll, sondern im Gegenteil: Das Kind soll gelassen werden, damit es sich normal entfalten kann.

    • Jane

      Sehr guter Beitrag! Ich frage mich auch oft inwieweit die ständig nachgeplapperten Thesen zur Kindererziehung (nicht nur auf die motorische Entwicklung bezogen) überhaupt je belegt wurden.
      Ich bin eine junge Mutter und habe mein Kind ohne vorher ein Buch darüber gelesen zu haben frühzeitig hingesetzt. Es fing trotzdem mit 6,5 Monaten an, zu krabbeln und macht einen zufriedenen Eindruck (wahrscheinlich irre ich mich…)
      Ich selbst habe auch keine Haltungsschäden trotz aus heutiger Sicht katastrophaler Eingriffe in meine motorische Entwicklung.
      Vielleicht ist das fatale an der Kindererziehung in unserer westlichen Welt heute auch nicht die Abwendung von der Vorgehensweise unserer Urahnen sondern die Verkrampftheit mit der jeder Aspekt beleuchtet und diskutiert wird bis niemand sich mehr traut einfach mal auf sein Gefühl zu vertrauen und normal mit seinen Kindern umzugehen.

  • Barbara

    Danke, dass ihr mich, si verunsichert habt. Manchmal bereue ich es Blogs zu lesen, die so Halbwahrheiten verbreiten. Ich bin mir sicher mein Porutscher Baby entwickelt sich normal!
    http://www.badische-zeitung.de/liebe-familie/ein-poporutscher–3327138.html

    • susanne

      Liebe Barbara, es tut mir leid, wenn Du Dich verunsichert fühlst. In diesem Artikel geht es nicht darum, ob sich Poporutscher normal entwickeln. Es geht darum, aufzuzeigen, warum Babys nicht hingesetzt werden sollten, bevor sie selbst dazu fähig sind. In dem von Dir genannten Artikel wird ja auch deutlich, dass das Kind krabbeln möchte – sonst würde es das schließlich nicht tun. Es hat in diesem Fall das Krabbeln nachgeholt, nachdem es Poporutscher war. Eine schöne Entwicklung! Hier jedoch geht es um das Vorher: Das Vermeiden davon, dass ein Baby zum Poporutscher wird. Ich gebe Dir vollkommen Recht, dass Eltern nicht verunsichert werden sollten in Bezug auf das Tempo des Babys: Jedes Kind entwickelt sich nach einem eigenen Tempo. Allerdings ist es heute so, dass wir von so vielen Dingen aus dem Konzept bebracht werden: Es gibt Babyschalen, die als Kinderwagen benutzt werden, es gibt Babywippen, in denen Babys viel zu lange liegen gelassen werden aus Unkenntnis, es gibt Babyhopser für die Türen, es gibt Lauflernhilfen und und und. All diese Dinge nehmen Einfluss auf die kindliche Entwicklung und eben auch der Umstand, wenn Babys einfach so in die Gegend gesetzt werden. Und hierzu gibt es viele Veröffentlichungen und eben auch Beobachtungen wie die Emmi Piklers.

      • Barbara

        Ich denke aber, dass diese Fortbewegung gar nichts mit dem frühen Hinsetzen zu tun hat (war ja bei uns auch nicht so). Ich kenne einen Haufen Mütter die dies aber getan haben und deren Kinder krabbeln alle! Vielleicht sollte ich mir das Buch von Frau Pikler kaufen und schauen, worauf sie ihre Studien aufbaut, wenn doch der Neurologe im Zeitungsartikel etwas ganz anderes sagt.

        • Susanne

          Emmi Pikler hat ihre Beobachtungen in einem Weisenheim in Budapest gemacht. Dort werden (auch heute noch) die Kinder ihrem eigenen Tempo überlassen und erproben das selbständige Fortbewegen. Es gibt dazu auch spannende Videos, die das dokumentieren.
          Natürlich kann es auch aus anderen Gründen noch zum Poporutschen kommen. Und wie Dein Artikel ja auch zeigt, bedeutet es nicht – sofern das Baby sich eben trotzdem frei bewegen kann und nicht eingeschränkt wird – dass das Krabbeln nicht doch noch kommt.
          Vielleicht liegt auch ein Missverständnis bezüglich der Definition von „Sitzen“ vor: Hier geht es darum, dass Babys nicht vor der Zeit einfach frei in den Raum gesetzt werden sollen, manchmal abgestützt durch Kissen. Ab und zu das Baby auf den Schoß zu setzen oder so mit ihm zu spielen, ist eine andere Sache. In meiner nun 10jährigen Arbeit mit Babys und Eltern habe ich die Beobachtung selbst gemacht, dass dieses zu frühe Hinsetzen oftmals zu Problemen in der Bewegungsentwicklung führen kann. Aber es gibt eben auch viele andere Dinge, die darauf Einfluss nehmen können, wie oben schon erwähnt.

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  • Aruna

    Nicht immer sind die Eltern schuld, nicht immer wird ein Kind zu früh hingesetzt, wenn es nicht krabbeln will. Mein Sohn krabbelte nicht, er robbte nur und lief von sich aus frei mit 10 Monaten. Erst als er das sicher konnte, holte er das Krabbeln nach. Viel viel später stellte sich heraus, dass er massiv am Kiss-Syndrom litt.
    Ich habe wohl eine Deformation des inneren Beckens, denn alle meine 4 Kinder hatten es.
    Meine Jüngste setzte sich und zog sich sitzend mit Händchen und Füßen vorwärts. Im Schneidersitz, also nicht wie der typische Porutscher. Aufgrund der Erfahrungen mit meinen anderen 3 Kindern wurde ihr Kiss bereits ganz früh behandelt. Daran lag es also nicht. Irgendwann krabbelte sie auch, aber das war auch wie bei meinem Sohn, als sie bereits laufen konnte.

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  • LillyLou26

    Und was macht man wenn das Baby im Liegen unzufrieden ist und hoch möchte? Mein Sohn ist 9 Monate und spielt momentan am Liebsten im Sitzen, er kann sich aber noch nicht selbständig aufsetzen und auch nicht krabbeln…

  • Pola

    die einen schreien „mehr wissenschaftliche belege“ die nächsten schreien „ihr macht es eltern schwer, wenn ihr kinder groß kriegen zu so ner wissenschaft macht“. was will ich sagen? man kann es wohl kaum jemandem recht machen 😉 mir jedoch schon! ein schlüssiger artikel, der eine so einfache sache erläutert. man muss es nur mit dem eigenen lernverhalten vergleichen: wieviel motivierter und vor allem besser bin ich wenn ich mir eine sache nach und nach selber erarbeitet habe, als wenn jemand die hälfte für mich macht, schritte abnimmt, die ich so nicht mehr selber erfahren kann. mich nervt das, demotiviert eben und am ende kann ich solch so erlernte dinge tatsächlich nicht so gut wie schritt für schritt selbsterforschtes.

  • Juliane Gelfert Geb Broschardt

    Ihn es selbst lernen lassen. Dann ist er eben unzufrieden. Unzufriedenheit ist doch der Motor für jede Weiterentwicklung. Meine großen konnten sich erst um den 1. Geburtstag selbst hinsetzen. Und vorher haben sie auch nicht gesessen, abgesehen von den Mahlzeiten auf dem Schoß. Auch im Kinderwagen nicht. Da war ich konsequent. Gelaufen sind sie auch recht spät. Na und? Ich hab ihnen ihre Zeit dafür gelassen. Klar waren sie mal unzufrieden. Aber da mussten sie eben durch.
    LG Jule

  • Julia

    Ich finde den Artikel wunderbar schlüssig und auf den Punkt gebracht. Deshalb würde ich dich auch bitten, ob ich den Artikel für meine Eltern in der Kinderkrippe benutzen darf? Ich arbeite jetzt seit 10 Jahren mit Babys Kleinkindern und kann immer wieder beobachten wie schwer sich die Kinder tun, die vorzeitig hingesetzt wurden, wieder in einer normale, autonome Bewegungsentwicklung zurück zu finden (manchmal auch gar nicht). Kinder möchten selbst-wirksam sein, sich den motorischen Herausforderungen stellen und sich jede Bewegungsform selbst erarbeiten. Wir Erwachsenen nehmen ihnen ihr Erfolgserlebnis, wenn wir in die Entwicklung eingreifen. Und ja, immer wieder sind die Kinder unzufrieden, meist direkt vor einem großen, motorischen Entwicklungsschritt. Aber dann erreichen sie irgendwann ihr Ziel: welch Erfolg und welch Stolz!! Kinder, die nicht hingesetzt werden, vermissen diesen Zustand eigentlich nicht, sonders spielen meist sehr zufrieden in der Bauch und Rückenlage. Möchten Sie als Erwachsener auf ein Hochseil gestellt werden, ohne der Möglichkeit sich selbstständig, irgendwie aus dieser Situation zu befreien, außer eben abzustürzen. Alles wackelt und ist instabil – so fühlen sich vermutlich Kinder mit 5 – 6 Monaten, die einfach so von einem Erwachsenen hingesetzt werden. Mit eigenständiger und freier Entwicklung hat das wenig zu tun, auch wenn die Kinder sich natürlich innerhalb kürzester Zeit daran gewöhnen und dann sitzen können ohne umzufallen. Mehr aber auch meist nicht. In der Krippe sind das oft die Kinder, die richtig gehend gefangen sind, kaum Freiheit haben sich selbst fortzubewegen und selbst über eine Positionswechsel zu entscheiden. Wie schade! Jedes Kind entwickelt sich völlig in seinem eigenen Tempo und mit seinem eigenen Lernweg, wenn man es nur einfach lässt! Und das hat mehr mit einer inneren Haltung gegenüber der Freiheit eines Menschen zu tun, als unbedingt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

    • lilysu

      Hallo Julia, Du kannst den Artikel gern mit Quellenangabe weiter geben. Vielen Dank für Deine lieben Worte!

  • Annika Reimann

    Vielen Dank für diesen Beitrag und die vielen interessanten Kommentare. Wir
    haben von Bekannten einen Hopser fürs
    Baby
    geschenkt bekommen, den sie schon ab und zu bei ihrem Kind
    genommen hatten. Da ich nun leider an verschiedenen Stellen gelesen habe, dass
    man von dem Hopser eher die Finger lassen sollte, würde ich gern wissen, wie du
    darüber denkst? Sind ein paar Minuten in dem Hopser für Babys wirklich so
    schädlich? Ich möchte ja mein Kind nicht schon mit fünf Monaten da rein setzen…

    Viele Grüße,

    Annika

  • wenkeboenisch

    Zwei Punkte möchte ich noch ergänzen:
    Es geht nicht nur um die Ausbildung der Muskulatur, sondern auch um die Streckung der Wirbelsäule, die bei einem Neugeborenen rund ist und sich in 3 Etappen zur Doppel-S-förmigen streckt. Mit ca. 2-3 Monaten die Halswirbel (Kopfheben in Bauchlage, Kopf selber halten), mit ca. 6 Monaten Streckung der Brustwirbel, wenn das Kind in Bauchlage sich auf den Armen abstützt, mit ca. 9, 10 Monaten Streckung der Lendenwirbel, wenn das Kind sich selber hinsetzt.
    Also ein komplexes Spiel zwischen Ausbildung der Muskeln plus Streckung der Wirbelsäule.

    2. Krabbeln sollte ein Kind deshalb, weil beim Krabbeln das Kind eine Überkreuzbewegung macht, die für die Gehirnentwicklung ein wichtiger Schritt ist. Aber ob das Kind nach dem Drehen robbt, krabbelt, sitzt, aufsteht und läuft, oder dreht, aufsteht, sitzt, krabbelt oder dreht, krabbelt, aufsteht ist völlig egal. Es gibt eine Vielfalt an Bewegungsabläufen, die normal sind, wenn das Kind es alleine, von sich aus macht.
    Natürlich ist überwiegend die Reihenfolge drehen, (robben), krabbeln, sitzen, stehen, laufen. Aber wie gesagt, andere Abläufe sind ebenfalls normal. Der Punkt kam im Artikel leider zu wenig heraus.

    Und warum auch nicht selber hinsetzen? Damit die Kinder alleine den Rückweg lernen. Übrigens muß mein Kind als Kindergartenkind alleine auf den Baum hochklettern, sie bekommt nur selten minimale Hilfe. Warum? Damit sie alleine wieder sicher herunterkommt.

  • Meike

    Vielen Dank, Susanne, für diesen Artikel! Ich finde ihn sehr gut und gut recherchiert und man merkt, dass es du generell nicht nur irgendetwas ’nachplapperst‘, sondern dir ernsthaft Gedanken machst. Ich selbst bin Mutter eines 16-Monate alten Kindes und ich bin froh und dankbar für die Arbeit und Recherche und Informationen, die du mit deinem Blog leistest. Und natürlich hab ich auch schon oft gedacht: ‚Oh Mann… Als Eltern kann man doch alles nur falsch machen‘ …. Es gibt so viel, worüber man sich Gedanken macht/ machen sollte. anstatt sich über jede neue Erkenntnis zu ärgern; die verbreitet wird, sollte man dankbar sein, dass es Menschen gibt, denen ihre Kinder und offensichtlich die Kinder im Allgemeinen so viel bedeuten, dass Sie Zeit und Mühe investieren, mit Ammenmärchen aufzuräumen! Ich bin dankbar, hier Unterstützung und Argumente für meinen bindungsorientierten Weg mit meinem Kind zu finden und auch immer zum Nachdenken angeregt werde. Natürlich ist es immer einfacher, beratungsresistent und unkritisch alles von sich zu weisen, und nach dem Motto: ‚Mein Kind hat auch zu früh gesessen und meine Freundin hat ihr Kind auch schreien lassen und meine Tante hat auch in der Schwangerschaft geraucht und mal n Glas Wein getrunken und trotzdem ist mit den Kindern alles okay…. ‚ zu leben.

    Ich bin mir bewusst darüber, dass ich als Mutter Fehler mache (dazu hast du auch einen tollen Artikel geschrieben), was aber nicht bedeutet, dass ich Dinge, die schon immer so waren, auch einfach so hinnehme.

    Ich sehe es als Bereicherung an, dass uns als Beratungsinstanz nicht nur die Meinungen von Großeltern, Eltern und Nachbarn zur Verfügung stehen, deren Ratschläge für mich auch darauf beschränkten, dass ich mein Kind nicht verwöhnen solle, er was Richtiges zu essen brauche und ruhig mal schreien solle, wenn er nicht ins Bett gehen will. In die gleiche Schiene gehört übrigens die so oft geäußerte Feststellung: ‚Ach guck mal an! Der WILL schon sitzen.‘

    Lange Rede kurzer Sinn! Vielen Dank, Susanne, dass du so gründlich recherchierst, dir so viele Gedanken machst und uns daran teilhaben lässt!

  • Vera

    Ich bin bei dem Erscheinungsdatum des Artikels wahrscheinlich ein paar Jahre zu spät dran mit meiner Frage, aber diese Frage brennt mir einfach unter den Nägeln. Ich habe mich jetzt einmal quer durchs Netz zum Thema Bewegungsentwicklung beim Baby gelesen. Ich habe – wie auch in diesem Artikel – gelernt, dass man Babys nicht zu früh hinsetzen und nicht mit ihnen an den Händen laufen sollte. Nirgendwo wird allerdings erklärt, was man tun kann, um diese Entwicklung zurückzudrehen. Was mache ich denn mit meinem verzweifelten Baby, wenn ich ihm seine Entwicklung wieder selbst überlassen möchte, es sich aber so daran gewöhnt hat, hingesetzt oder an den Händen geführt zu werden, dass es jetzt die Welt nicht mehr versteht? Wie erleichtere ich ihm die Rückbesinnung auf die eigene Beweglichkeit? Geht das überhaupt? Oder ist der natürliche Ablauf damit quasi abgeschnitten?

  • Marsiana

    Ich lese auf dieser Seite mit, seitdem mein Sohn 3 Monate alt ist. Zum Glück wusste ich von Anfang an, das zu frühes hinsetzen und hinstellen sich ungünstig auf die körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes auswirken kann. Ich habe also geduldig gewartet bis mein Sohn sich mit 11 Monaten das erste Mal alleine hingesetzt hat. 4 Wochen davor fing er mit dem Vierfüßler an und ich dachte: „Nun geht es also los, bald krabbelt er!“ Aber anstatt zu krabbeln fing er nur wenige Tage nach dem ersten Mal hinsetzen aus dem Vierfüßler an, sich überall hochzuziehen. Nun sind 2 Wochen vergangen und er geht garnicht mehr in den Vierfüßler sondern geht schon seine ersten Schritte an Möbeln entlang. Ich mache mir nun Gedanken, ob er das Krabbeln tatsächlich auslässt.
    Er robbt sehr gut und ich habe ihn wie gesagt NIE hingesetzt oder hingestellt.
    Kann ich das Krabbeln fördern oder muss ich die Kinderärztin darauf ansprechen?